Filmstill zu "Mein lieber Robinson"

DEFA-Chronik für das Jahr 1965

 

Februar 1965

4. Februar

Premiere des DEFA-Spielfilms DIE ABENTEUER DES WERNER HOLT (R: Joachim Kunert), nach dem gleichnamigen, erschütternden Antikriegs-Roman von Dieter Noll. Der Stoff handelt von einer Gymnasialklasse, die sinnlos in den bereits verlorenen Krieg geschickt wird. Der Film erreicht ein großes Publikum und wird in vielen Ländern der Welt gezeigt.
(DEFA–Spielfilme 1946–1964, Filmografie, Hrsg.: Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 234; FWM, 2/1965, S. 545-552; Filmspiegel, 4/1965, S. 9, 11/1966, S. 10-11; Kino DDR, 2/1988, S. 20-21; Erika Richter: Zwischen Mauerbau und Kahlschlag 1961 bis 1965. In: Das zweite Leben der Filmstadt Babelsberg. Potsdam 1994, S. 180f; F.-B. Habel: Das große Lexikon der Spielfilme, Neuausgabe in zwei Bänden, Schwarzkopf & Schwarzkopf 2017, S. 13ff)

24. Februar

Mit der Begründung, dass der Aufwand für die Delegationen und Filme aus den sozialistischen Staaten zu groß sei, verweigert das Bundesinnenministerium dem Kurzfilm-Festival in Oberhausen jegliche finanzielle Unterstützung. Die DEFA zeigt in diesem Jahr unter anderem die Filme O.K. (R: Walter Heynowski, 1965) und NUR EIN VIERTELSTÜNDCHEN (R: Heinz Müller, 1964).
(Berliner Zeitung, 24. Februar 1965, S. 6; Filmspiegel, 5/1965, S. 3)

27. Februar

Premiere des DEFA-Spielfilms DER RESERVEHELD (R: Wolfgang Luderer). Das Lustspiel, das für den Komiker-Star Rolf Herricht geschrieben wurde, funktioniert auf Basis altbekannter Militärklamotten. Beim Publikum wird der Film ein Erfolg. Bedenkenträger interpretieren jedoch viel Kritisches hinein, so dass der Film in späteren Jahren in der DDR nicht mehr gezeigt wird.
(FWB, 1971, S. 127-132; Filmspiegel, 4/1965, S. 12-13; F.-B. Habel: Das große Lexikon der Spielfilme, Neuausgabe in zwei Bänden, Schwarzkopf & Schwarzkopf 2017, S. 717f)

 

März 1965

13. März

Verleihung des Heinrich-Greif-Preises 1965.

  • I. Klasse: An den Fernsehpublizistem Gerhard Scheumann, speziell für die von ihm geleitete Sendereihe „Prisma“.
  • II. Klasse: An das Filmkollektiv des Industriefilms IM DIENSTE DES FORTSCHRITTS (Auftragsproduktion für den Volkseigenen Betrieb Carl Zeiss-Jena) aus dem DEFA-Studio für populärwissenschaftliche Filme um Regisseur Manfred Gußmann und Autor Rudolf Müller. Weiterhin wurde im Namen der Leserinnen und Leser der Zeitschrift „Filmspiegel“ der Regisseur Götz Oelschlägel für sein vielseitiges Schaffen geehrt.
  • III. Klasse: An das Kollektiv „Der Augenzeuge“ und den Chefredakteur des DEFA-Studios für Dokumentarfilme Jürgen Hartmann, Chefredakteurin Renate Wekwerth, Redakteur Dagobert Loewenberg und die Kameramänner Bernhard Zoepfel und Siegfried Kaletka.

(Filmspiegel, 6/1965, S. 3; ND, 14. März 1965, S. 1)

25. März

Premiere des DEFA-Dokumentarfilms STUDENTINNEN - Eindrücke von einer technischen Hochschule (R: Winfried Junge) vor 1.000 Studierenden an der Technischen Hochschule Ilmenau. Der Film stellt künftige Diplom-Ingenieurinnen vor und fragt nach den Problemen, die das Studium und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie mit sich bringen.
(ND, 28. März 1965, S. 6; Filmspiegel, 10/1965, S. 9; Filmkurier-Informationsdienst, 4/5 - 1965, S. 21)

April 1965

2.–8. April

Im Rahmen der ersten Woche des französischen Films in der DDR werden dem Publikum fünf französische Filmproduktionen präsentiert. Zur Eröffnung im Berliner Filmtheater „Kosmos“ läuft DIE SCHÖNE AMERIKANERIN (R: Robert Dhéry). Als Gäste wurden u.a. die Filmschaffenden Robert Dhéry, Yves Robert, Colette Brosset, Marie-France Boyer und Véronique Vendell empfangen.
(Filmspiegel, 5/1965, S. 8-9, 8/1965, S. 3, 18-21)

Juni 1965

In Schloss Wiepersdorf, dem ehemaligen Wohnsitz von Achim und Bettina von Arnim und jetzigen Arbeits- und Erholungsstätte für Kulturschaffende der DDR, trifft sich das internationale Ehrenpräsidium der Leipziger Dokumentarfilmwoche darunter Münchener Produzenten.
(Filmspiegel, 13/1965, S. 12f)

11. Juni

Auf der Plenartagung der Deutschen Akademie der Künste zu Berlin wird Konrad Wolf zum neuen Präsidenten gewählt. Er bekleidet dieses Amt bis zu seinem Tod 1982.
(ND, 16. Juni 1965, S. 5; ND, 8. März 1982, S. 1; Filmspiegel, 13/1965, S. 3; Günter Jordan: Film in der DDR, Daten - Fakten - Strukturen, Filmmuseum Potsdam, 2. überarbeitete Fassung 2013, S. 415)

Juli 1965

23.–28. Juli

Die erste kubanische Filmwoche in der DDR wird ausgerichtet. Zur Eröffnung im Berliner Filmtheater „International“ läuft Die Entscheidung (OT: LA DECISION, R: José Massip, 1964).
(Filmspiegel, 14/1965, S. 3, 16/1965, S. 12-13; ND, 2. August 1965, S. 5)

August 1965

26. August

Premiere des DEFA-Spielfilms LOTS WEIB (R: Egon Günther). Egon Günther, der auch das Szenarium dieses Films schrieb, bekommt vom DEFA-Generaldirektor Mückenberger die Chance, als erste Regiearbeit „zur Probe“ 40 Minuten des Films zu drehen. Die freche Erzählweise und heitere Ausstrahlung des Probematerials überzeugen, sodass er den Film vollenden darf. Die satirische Überhöhung von Problemen der Emanzipation stößt auf Kritik der HV Film, die sich hier allerdings nicht durchsetzen kann.

LOTS WEIB ähnelt in seiner Kritik an Dogmatikern den Filmen, die infolge des 11. Plenums verboten wurden. Sein positiver Schluss ist so aufgesetzt, dass er zweifelhaft wirkt.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1965, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 22; FWM, 2/1965, S. 353-365, 1/1966, S. 218 ff; Filmspiegel, 19/1965, S. 9; Erika Richter: Zwischen Mauerbau und Kahlschlag 1961 bis 1965. In: Das zweite Leben der Filmstadt Babelsberg. Potsdam 1994, S. 174; Spielräume 8. In: Ingrid Poss, Peter Warnecke (Hg.): Die Spur der Filme, Zeitzeugen über die DEFA, Ch. Links Verlag, 2. Auflage, Berlin 2006, S. 194f; Wolfgang Gersch: Szenen eines Landes. Die DDR und ihre Filme. Aufbau-Verlag GmbH. Berlin 2006, S. 106; F.-B. Habel: Das große Lexikon der Spielfilme, Neuausgabe in zwei Bänden, Schwarzkopf & Schwarzkopf 2017, S. 547f)

27. August

Anlauf des des populärwissenschaftlichen DEFA-Films LEBEN - WOFÜR? (R: Götz Oelschlägel), der in heiterer Form philosophische Fragen nach dem Sinn des Lebens stellt. Der Film erhält auf der Dokumentarfilmwoche in Leipzig die „Silberne Taube“.
(FWM, 1/1966, S. 244; Filmspiegel, 26/1965, S. 9)

September 1965

10. September

Premiere des DEFA-Spielfilms SOLANGE LEBEN IN MIR IST (R: Günter Reisch) über das Leben früheren Reichstagsabgeordneten Karl Liebknecht (Mitglied der SPD seit 1900 und Mitgründer der KPD 1919). Günter Reisch stellt wichtige Episoden aus den Jahren 1914 bis 1916 in den Mittelpunkt, insbesondere Liebknechts Ablehnung der Kredite zur Finanzierung des Ersten Weltkrieges im deutschen Reichstag. Das Drehbuch schreibt Michael Tschesno-Hell, der bereits bei den Thälmann-Filmen dafür verantwortlich zeichnete. 1971 findet der Film mit TROTZ ALLEDEM! (R: Günter Reisch, Hans Kratzert) eine Fortsetzung.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1965, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 30f; FWM, 1/1966, S. 205 ff; Filmspiegel, 18/1965, S. 6, 21/1965, S. 9; Filmkurier–Informationsdienst, 9/1965, S. 26; F.-B. Habel: Das große Lexikon der Spielfilme, Neuausgabe in zwei Bänden, Schwarzkopf & Schwarzkopf 2017, S. 835f)

30. September

Premiere des DEFA-Spielfilms DIE BESTEN JAHRE (R: Günther Rücker). Das Regiedebüt des Schriftstellers Rücker über einen Kriegsheimkehrer ist der wichtige Film über die DDR-Gründer-Generation. Mit ungenügenden Voraussetzungen, aber voll ernsthaftem Glauben an die neue Gesellschaft, lässt er sich Hauptfigur Ernst Machner (gespielt von Horst Drinda) immer größere Aufgaben übertragen, wobei Gesundheit und Privatleben auf der Strecke bleiben. Die ständige Relativierung der Motive der Figuren, auch Worte des Zweifels über Mittelmaß, Beschränktheit, Lobhudelei aus dem Mund eines alten Kommunisten, ergeben eine Vielschichtigkeit, wie sie im DEFA-Film dieser Zeit nicht allzu häufig zu sehen ist.
(ND, 1. Oktober 1965, S. 6; FWM, 1/1966, S. 213 - 217, 3/4, 1966, S. 724-755; Filmspiegel, 23/1965, S. 8, 1/1966, S. 9; Progress-Filmblatt 1978; Erika Richter: Zwischen Mauerbau und Kahlschlag 1961 bis 1965. In: Das zweite Leben der Filmstadt Babelsberg. Potsdam 1994, S. 175f; Ralf Schenk: Eine kleine Geschichte der DEFA. Daten, Dokumente, Erinnerungen. DEFA-Stiftung 2006, S. 145; Wolfgang Gersch: Szenen eines Landes. Die DDR und ihre Filme. Aufbau-Verlag GmbH. Berlin 2006, S. 102; F.-B. Habel: Das große Lexikon der Spielfilme, Neuausgabe in zwei Bänden, Schwarzkopf & Schwarzkopf 2017, S. 95)

Oktober 1965

In Bukarest werden der XIX. Kongress der AICS und das internationale Festival populärwissenschaftlicher Filme ausgerichtet. Aus der DDR laufen ...WEIL ICH KEIN KIND MEHR BIN... (R: Götz Oelschlägel, 1963), GEHEIMNISSE UNTER DER EISCHALE (R: Siegfried Bergmann, 1965), BLUT IST LEBEN (Auftragsproduktion für das Deutsches Hygiene-Museum der DDR, Dresden) und EIN FALTERLEBEN (R: Heinz Taege, 1962). Die DDR wird erneut als Mitgliedsland des Rates der AICS gewählt, sodass Hans Wrede, Generalsekretär der Nationalen Vereinigung für den wissenschaftlichen Film in der DDR, weiterhin im Rat der AICS vertreten und Mitglied des Rates der Direktoren der Internationalen. Wissenschaftlichen ist. Kurt Eifert vom DEFA-Studio für populärwissenschaftliche Filme wird in das Präsidium der Sektion populärwissenschaftlicher Film gewählt.
(Filmspiegel, 23/1965, S. 8-9)

6. Oktober

Verleihung des Nationalpreises für Kunst und Literatur 1965.

  • II. Klasse: An das Filmkollektiv des DEFA-Spielfilms DIE ABENTEUER DES WERNER HOLT um Autor Claus Küchenmeister, Regisseur Joachim Kunert und Kameramann Rolf Sohre.

(ND, 7. Oktober 1965, S. 5 ; Kino DDR 1967, Sondernummer)

30. Oktober

Generalversammlung der FICC (Internationale Vereinigung der Filmclubs) in London. Die DDR wird mit den AG Filmklubs als Vollmitglied aufgenommen. Wenige Tage später wird daran korrespondierend in der DDR die „Nationale Vereinigung der Filmclubs“ unter Vorsitz von Claus Küchenmeister gebildet.
(ND, 9. November 1965, S. 5; Neue Zeit, 9. November 1965, S. 5; Beiträge zur Geschichte der Filmklubbewegung der DDR II, Berlin, 1992; Wieland Becker/Volker Petzold: Tarkowski trifft King Kong. Geschichte der Filmklubbewegung in der DDR. Vistas Verlag. Berlin 2001, S. 83, 448; Günter Jordan: Film in der DDR, Daten - Fakten - Strukturen, Filmmuseum Potsdam, 2. überarbeitete Fassung 2013, S. 394, 427)

November 1965

5.–6. November

Unter Teilnahme von 52 Filmclubs wird in der Berliner „Möwe“ die „Arbeitsgemeinschaft Filmklubs” als Sektion der Clubs der Filmschaffenden gegründet. Vorsitzender wird Claus Küchenmeister.
(Beiträge zur Geschichte der Filmklubbewegung der DDR II, Berlin, 1992, S. 51; Wieland Becker/Volker Petzold: Tarkowski trifft King Kong. Geschichte der Filmklubbewegung in der DDR. Vistas Verlag. Berlin 2001, S. 140ff; Günter Jordan: Film in der DDR, Daten - Fakten - Strukturen, Filmmuseum Potsdam, 2. überarbeitete Fassung 2013, S. 394)

13.–21. November

Am Rand der VIII. Internationalen Leipziger Dokumentar- und Kurzfilmwoche läuft DEUTSCHLAND – ENDSTATION OST (R: Frans Buyens, 1964). Der ursprüngliche Titel lautete Die DDR, mit den Augen eines Ausländers gesehen. Der mit der DDR sympathisierende belgische Dokumentarist Frans Buyens interviewt wenige Jahre nach dem Mauerbau Menschen verschiedener Couleur zum Leben in der DDR. Er dokumentiert Zustimmung, ablehnende Stimmen, auch Ängste der Befragten. Anfänglich von Spitzenfunktionären der SED, des Kulturministeriums und des FDGB gefördert, gerät die Produktion ins Ränkespiel im Vorfeld des 11. Plenums der SED.

Beim Filmfestival in Venedig 1965 erhält der Film einen Preis. Auf dem Moskauer Filmfestival sowie in anderen osteuropäischen Ländern wird dem Film die Zulassung verweigert.
(Thomas Heimann: Wie ein Ausländer die DDR mit eigenen Augen sehen wollte. Frans Buyens bei der DEFA. In: apropros: Film 2001. Das Jahrbuch der DEFA-Stiftung. Berlin 2001, S. 105-132)

25. November

Im Staatsrat der DDR findet ein Gespräch Walter Ulbrichts mit Schriftstellern und Künstlern statt.

Es wird allgemein festgestellt, dass einzelne Künstlerinnen und Künstler mit ihren „skeptizistischen“ und „dekadenten“ Werken die Jugendlichen in der DDR negativ beeinflussen würden. Die angeblich überzogene Kritik an den realpolitischen Verhältnissen in der DDR in einzelnen DEFA-Filmen, aber auch in Romanen und Theaterstücken sei verantwortlich für die zunehmende Gewalt und die politische Orientierungslosigkeit der Jugendlichen in der DDR. Christa Wolf, Anna Seghers und einige andere finden den Mut zum Widerspruch. Die „Aussprache“ endet ohne greifbares Ergebnis.

In den folgenden Wochen wird die Debatte sukzessive verschärft. Beinahe täglich erscheinen im Neuen Deutschland polemische Zeitungsberichte, die auf eine Zuspitzung der Auseinandersetzung hinlaufen.
(Wolfgang Engler: Strafgericht über die Moderne- das 11. Plenum im historischen Rückblick. In Günter Agde (Hrsg.): „Kahlschlag, Das 11. Plenum des ZK der SED 1965“, Hrsg. Günter Agde, 2. Auflage, Berlin 2000, S. 18f; Christa Wolf: Erinnerungsbericht. In Günter Agde (Hrsg.): „Kahlschlag, Das 11. Plenum des ZK der SED 1965“, 2. Auflage, Berlin 2000, S. 344-354; Günter Agde: Zur Anatomie eines Tests. Das Gespräch Walter Ulbrichts mit Schriftstellern und Künstlern am 25. November 1965 im Staatsrat der DDR. In Günter Agde (Hrsg.): Kahlschlag, Das 11. Plenum des ZK der SED 1965“, 2. Auflage, Berlin 2000, S. 134-153; Andreas Kötzing: Grünes Licht aus Moskau. Die SED-Führung am Vorabend des „Kahlschlag“-Plenums . Bundeszentrale für Politische Bildung, 2016, Abruf am 28. Juni 2023)

25. November

Premiere des DEFA-Spielfilms DER FRÜHLING BRAUCHT ZEIT (R: Günter Stahnke). Der Film vermittelt den Wunsch nach Reformen und richtet sich gegen die mittlere Parteiebene, gegen Karrieristen, Dogmatiker und Opportunisten. Innerhalb von drei Wochen erreicht er circa 17.000 Zuschauerinnen und Zuschauer. Nach dem 11. Plenum des ZK der SED wird er verboten.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1965, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 19; Filmspiegel, 21/1965, S. 5-7, 26/1965, S. 8; DEFA–Blende, 1/1990; Kino DDR, 5/1990, S. 3-7; Wolfgang Gersch: Szenen eines Landes. Die DDR und ihre Filme. Aufbau-Verlag GmbH. Berlin 2006, S. 111f; Andreas Kötzing & Ralf Schenk (Hrsg.): Verbotene Utopie. Die SED, die DEFA und das 11. Plenum. DEFA-Stiftung, Berlin 2015, S. 226-228)

Dezember 1965

2. Dezember

Die Dokumentarfilmer Annelie und Andrew Thorndike schreiben „Einige Bemerkungen zur Lage der DEFA“ und senden diese an das Politbüro. Die umfangreiche, zutiefst negative Einschätzung vermittelt einen verheerenden Eindruck von der Lage in der DEFA und der Deutschen Hochschule für Filmkunst (DHF), benennt (angeblich) politisch negative Struktureinheiten und Regisseure, labile Personen, fachliche ungeeignete Funktionäre mit Namen und konkreten Aussagen. In den Schlussfolgerungen werden neben inhaltlichen Konzepten auch Vorschläge für „tiefgreifende personelle Veränderungen“ gemacht.

Kurt Hager, Mitglied des Politbüros des ZK der SED und Leiter der Ideologischen Kommission des Politbüros, übermittelt dieses Verdikt eine Woche vor dem 11. Plenum an alle Mitglieder und Kandidaten des Politbüros.
(Ralf Schenk: Die Falken und die Tauben. In: Kunst unter Kontrolle. Edition text + kritik im Boorberg Verlag 2014, S. 92-96; Annelie und Andrew Thorndike „Einige Bemerkungen zur Lage der DEFA“ vom 2. Dezember 1965, BArch Berlin. SAPMO, DY 30/J IV 2/2 J/1560 n.pag. In: Andreas Kötzing & Ralf Schenk (Hrsg.): Verbotene Utopie. Die SED, die DEFA und das 11. Plenum. DEFA-Stiftung Berlin 2015, S. 443-462)

3. Dezember

Erich Apel, stellvertretender Vorsitzender des Ministerrates und Vorsitzender der Staatlichen Plankommission, wird tot in seinem Dienstzimmer im Haus der Ministerien aufgefunden. In seiner rechten Hand hält er eine Pistole. Das geplante Wirtschaftsplenum wird daraufhin verschoben und Kunst und Kultur auf die Tagesordnung gesetzt.
(Günter Agde (Hrsg.): „Kahlschlag, Das 11. Plenum des ZK der SED 1965“, 2. Auflage, Berlin, 2000; Matthias Eckoldt: Ein Schuss fiel im Politbüro: Erich Apel – Warum der führende DDR-Wirtschaftsstratege aus dem Leben schied, Produktion MDR5, 2015. Redaktion: Katrin Wenzel. In: Dok 5 – Das Feature. Ausstrahlung am 1. Oktober 2017, WDR5, Manuskript als PDF)

9. Dezember

Kurt Hager reist nur wenige Tage vor dem 11. Plenum zu einem dreitägigen Kurzbesuch nach Moskau. Begleitet wird er von nur vier weiteren Delegationsmitgliedern: Kurt Rätz, Referent in der Abteilung Kultur im ZK der SED, Hanna Wolf, Direktorin der SED-Parteihochschule, Hannes Hörnig, Leiter der Abteilung Wissenschaft im ZK der SED und einem Mitarbeiter der DDR-Botschaft. Sie sprechen mit Pjotr Demitschew, dem Vorsitzenden der Ideologischen Kommission des ZK der KPdSU. Anwesend sind außerdem zahlreiche andere sowjetische ZK-Abteilungsleiter und Funktionäre aus den Bereichen Wissenschaft und Kultur. Vorangegangen war ein Kurzbesuch von Leonid Breschnew in der DDR vom 27. bis 29. November 1965, der auch für die Vorbereitung des 11. Plenums eine wichtige Rolle gespielt haben wird.

Die DDR bekommt grünes Licht und den vollen Rückhalt der UdSSR für die geplante Debatte über die missliebige Entwicklung auf dem Gebiet der Kultur in der DDR. Der als „streng vertraulich“ gekennzeichnete Bericht wird am 14. Dezember 1965 an alle Mitglieder und Kandidaten des Politbüros verschickt. Damit wird suggeriert, dass die neue Linie „aus Moskau“ kommt.
(Kurt Hager, Bericht über die Aussprache mit dem Genossen Demitschew, Berlin, 14.12.1965, BArch, SAPMO, DY 30/J IV 2/2 J/1562, n. pag. Zitiert in: Andreas Kötzing & Ralf Schenk (Hrsg.): Verbotene Utopie. Die SED, die DEFA und das 11. Plenum. DEFA-Stiftung Berlin 2015, S. 91-95; Andreas Kötzing: Grünes Licht aus Moskau. Die SED-Führung am Vorabend des „Kahlschlag“-Plenums . Bundeszentrale für Politische Bildung, 2016, Abruf am 28. Juni 2023)

14. Dezember

In Einstimmung der Öffentlichkeit auf das 11. Plenum greift Alexander Abusch, Stellvertretender Vorsitzender des Ministerrates für Kultur und Erziehung, unter der Überschrift „Grundprobleme unserer sozialistischen Literatur und Filmkunst“ in einem ganzseitigen Artikel im ND die Filmkunst an, insbesondere DAS KANINCHEN BIN ICH (R: Kurt Maetzig, 1965). Der Film richte sich in seiner „Grundtendenz gegen den Sozialismus und seine Lebenswirklichkeit“. Dr. Heinz Baumert (von der DHF) und seine „antisozialistische Fragestellungen“ in der Zeitschrift „film. Wissenschaftliche Mitteilungen“ sind ebenfalls Zielscheibe. Resümierend wird auch die Leitung des Spielfilmstudios und der Minister für Kultur Günter Witt persönlich verantwortlich für die falsche ideologische Ausrichtung gemacht.
(ND, 14. Dezember 1965, S. 4)

14. Dezember

Um größeren öffentlichen Widerspruch auf dem Plenum zu vermeiden, werden die zum 11. Plenum eingeladenen SED-Funktionäre einen Tag vor Eröffnung des Plenums ins Zentralkomitee gebeten. Ihnen wird eine Lesemappe aus 21 Dokumenten mit circa 90 Seiten ausgehändigt, die vor Ort durchgearbeitet werden muss. Die Mappe enthält eine Vielzahl von Berichten und Einschätzungen, die zusammen genommen ein verheerendes Bild von der kultur- und jugendpolitischen Situation in der DDR zeichnen. Die Berichte suggerieren eine angebliche Verwahrlosung unter den Jugendlichen, für die die Künstler mit ihren „dekadenten Machwerken“ unmittelbar verantwortlich seien. Auch sechs Seiten über den Inhalt des verbotenen Hefts 2/1965 der „film. Wissenschaftliche Mitteilungen“ des Instituts für Filmwissenschaft der Deutschen Hochschule für Filmkunst (DHF) sind in der Lesemappe. In diesem Kontext werden den Plenumsteilnehmern am späten Nachmittag die DEFA-Filme DAS KANINCHEN BIN ICH von Kurt Maetzig und DENK BLOSS NICHT, ICH HEULE von Frank Vogel vorgeführt.
(film. Wissenschaftliche Mitteilungen des Instituts für Filmwissenschaft der Deutschen Hochschule für Film 1965/Heft 2; Günter Agde (Hrsg.): „Kahlschlag, Das 11. Plenum des ZK der SED 1965“, 2. Auflage, Berlin 2000, S. 198-237; Andreas Kötzing: Grünes Licht aus Moskau. Die SED-Führung am Vorabend des „Kahlschlag“-Plenums . Bundeszentrale für Politische Bildung, 2016, Abruf am 28. Juni 2023)

15.–18. Dezember

In Berlin tagt das 11. Plenum des ZK der SED unter der Überschrift „Ein sauberer Staat mit unverrückbaren Maßstäben“ als Abrechnung mit der Jugendpolitik und Kunst in der Atmosphäre eines Tribunals. Von der DEFA sind Joachim Mückenberger, Konrad Wolf und Frank Beyer als Gäste geladen

Das Plenum, das in seinem Ton der Aggressivität durch Erich Honecker, Paul Fröhlich, 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung Leipzig, Mitglied des Politbüros, Kurt Hager und Konrad Naumann, 2. Sekretär der SED-Bezirksleitung Berlin bestimmt wird, gerät zu einer vernichtenden Abrechnung mit kritischen Kunst- und Kulturschaffenden und Funktionären. Im Mittelpunkt der Kritik stehen Filme, Theaterstücke, Bücher und Musikgruppen. Es fallen die Worte „Konterrevolution“, „staatsfeindlich“, „Nihilismus“, „Skeptizismus“, „Wirtschaftsverbrechen“, „Schweinerei“, „Pornografie“. Funktionäre wie der Leiter der Kulturabteilung des ZK, Siegfried Wagner, der in die Entstehung der Filme eng eingebunden war, versuchen sich zu retten, indem sie die Verantwortung nach unten durchreichen.

DAS KANINCHEN BIN ICH (R: Kurt Maetzig) über die Demokratisierung der politischen Strafjustiz nach dem gleichnamigen verbotenen Buch von Manfred Bieler wird als „staatsfeindlich“ und „konterrevolutionär“ gegeißelt.

Als einzige unter den Delegierten, setzt sich die Schriftstellerin Christa Wolf für die angegriffenen Künstler ein und versucht, den Anspruch der Kunst auf Wahrhaftigkeit zu verteidigen. Sie schreibt nach dem Plenum sarkastisch in ihr Tagebuch: „Das Plenum hat entschieden, die Realität wird abgeschafft.“
(Ralf Schenk: Eine kleine Geschichte der DEFA. Daten, Dokumente, Erinnerungen. DEFA-Stiftung 2006, S. 145; Andreas Kötzing & Ralf Schenk (Hrsg.): Verbotene Utopie. Die SED, die DEFA und das 11. Plenum. DEFA-Stiftung, Berlin 2015; Ralf Schenk: Zeitzeugengespräch Kurt Maetzig, DEFA-Stiftung, Berlin 1999; Günter Agde (Hrsg.): Kahlschlag, Das 11. Plenum des ZK der SED 1965“, 2. Auflage, Berlin 2000, S. 238ff; Christa Wolf: Erinnerungsbericht. In Günter Agde (Hrsg.): „Kahlschlag, Das 11. Plenum des ZK der SED 1965“, 2. Auflage Berlin, 2000, S. 344-354; Bericht des Politbüros an die 11. Tagung des ZK der SED. Berlin, 1966; ND, 16. Dezember 1965, S. 6)

Nach dem 18. Dezember

In der Folge des Plenums werden alle abgedrehten, im Drehprozess befindlichen und vorbereiteten DEFA-Spielfilme noch einmal vom Studio sowie von Mitarbeitern der HV Film und der SED überprüft. Auf dem Gebiet der Filmkunst wird im Ergebnis des Plenums fast eine ganze Jahresproduktion des DEFA-Spielfilms verworfen, verboten bzw. abgebrochen. Dieser Prozess vollzieht sich in einem zähen Ringen, auch einem Ringen um die Rettung von Filmen, über mehr als sechs Monate.

    • 26. Oktober 1965: Zulassung mit Schnittauflagen
    • 29. November 1965: Aufhebung der Zulassung
    • 6. Dezember 1965: Endgültige Einstellung der Arbeiten am Film

      ...
    • 13. Dezember 1989: Erstaufführung in der Akademie der Künste der DDR
    • 12. Februar 1990: Aufführung im „Forum“ der Berlinale
    • 8. März 1990: Premiere im Berliner Filmtheater „International
    • 2. März 1965: „Prinzipielle Zulassung“ der HV Film mit Auflagen
    • 1. Oktober 1965: Nach Testvorführungen im ZK, vor Jugendclubs und der FDJ wird die DEFA gedrängt, den Film zurückzuziehen.
    • 10. Dezember 1965: Die endgültige Einstellung der Arbeiten am Film wird von der HV Film beschlossen.

      ...

    • 26. April 1990: Premiere im Berliner Filmtheater „International
    • 17. August 1965: Zulassung mit Schnittauflagen
    • 25. November 1965: Uraufführung im Kino „Colosseum“. Innerhalb von drei Wochen erreicht er circa 17.000 Zuschauer.
    • 22. Dezember 1965: Aufhebung der Zulassung

      ...

    • 18. Januar 1990: Wiederaufführung im Berliner Filmtheater „International
    • 14. Dezember 1965: Erste Sichtung des Rohschnitts durch die KAG mit provisorisch angelegter Musik und teilweise eingesprochenem Text.
    • 22. Dezember 1965: Die HV Film sperrt alle Ausgaben für den Film.
    • Januar 1966: Regisseur Barthel nimmt diverse Änderungen am Film vor.
    • 2. Februar 1966: Letzte Rohschnittvorführung vor Vertretern der HV Film, der Kulturabteilung des ZK und der zentralen Parteileitung des Studios.
    • 15. April 1966: Um den Schein einer demokratischen Entscheidung zu wahren, findet eine weitere Besichtigung des Rohschnitts vor dem neu gegründeten Filmbeirat des Ministeriums für Kultur statt. Christa Wolf und Klaus Wischnewski werden massiv attackiert. In der Folge wird das Projekt abgebrochen

      ...
    • Ab 2002: Zwischen 2002 und 2004 rekonstruiert die DEFA-Stiftung den Film in Form einer Material-Dokumentation zur Vorführung im Rahmen nichtkommerzieller Veranstaltungen. Die Uraufführung findet am 16. Juni 2005 im Berliner Kino „Blow up“ statt.
    • 2021: Nach einer erneuten Rekonstruktion durch die DEFA-Stiftung mit finanziellen Mitteln aus dem Förderprogramm Filmerbe liegt der Film seit 2021 als endmontierter Film vor. Die Fernsehpremiere erfolgte in der Nacht vom 25. zum 26. Juni 2021 im Programm des MDR.
    • 18. Oktober 1965: Bei der Abnahme des Rohschnitts im Studio unter Beteiligung der HV Film und Abteilung Kultur des ZK erhält der Film „enthusiastische Zustimmung“. Die Studioleitung weist Beyer an, die Endfertigung schnell zu Ende zu führen.
    • Nach dem 11. Plenum versucht Beyer seinen Film aus den Verboten herauszuhalten, indem er eine Vorführung des Films zeitlich hinausschieben kann; angeblich wegen Änderungen.
    • 11. März 1966: Der fertig geschnittene Film wird der HV Film und maßgeblichen SED-Funktionären vorgeführt. Man ist sich mit dem neuen Studiodirektor einig, dass der Film in dieser Form nicht aufführbar ist. Ein Verbot wird aber nicht erwogen, offenbar aufgrund des mit einem Nationalpreis ausgezeichneten Romans und der ausführlichen Vorberichterstattung.
    • 18. März 1966: Kurt Hager lässt dem Studio massive Änderungsvorschläge zukommen.
    • 12. Mai 1966: Der Film wird vom neuen Filmbeirat des Ministeriums für Kultur gesichtet. Er spricht sich für die Zulassung aus.
    • 26. Mai 1966: SPUR DER STEINE erhält die Kino-Zulassung
    • 15. Juni 1966: Uraufführung im Kino „Thalia“ zu den Arbeiterfestspielen in Potsdam-Babelsberg. Anschließend läuft der Film regelmäßig vor ausverkauftem Haus.
    • 29. Juni 1966: Da die SED weiterhin die Darstellung der Partei in dem Film für schädlich hält, beschließt das Sekretariat des Politbüros der SED folgendes: SPUR DER STEINE startet mit 15 statt 56 Kopien, nach spätestens acht Tagen Laufzeit ist der Film zurückzuziehen und alle Werbemaßnahmen sind einzustellen. Außer einer kritischen Stellungnahme im ND habe keine Filmkritik zu erscheinen. Die Festivalnominierung für Karlovy Vary ist zu widerrufen.

      Der neue Kulturminister Gysi teilt Frank Beyer mit, dass er die Zulassung für den Film zurückgezogen hat, weil der Film eine Verfälschung des Romans sei. Er fordert ihn auf, der Premiere am 30. Juni im Berliner Kino „International“ fernzubleiben.
    • 1. Juli 1966: Die Ersten Sekretäre der SED-Bezirksleitungen werden telegrafisch instruiert, den vorzeitigen Abbruch der Auswertung des Films zu inszenieren. In Berlin und Leipzig setzen die Ersten Sekretäre der SED-Bezirksleitungen Konrad Naumann und Paul Fröhlich das durch Parteiabgesandte u.ä. schon am Premierentag um, während Horst Sindermann SPUR DER STEINE in Halle eine Woche unbehelligt laufen lässt.

    • 28. Oktober 1989: Wiederaufführung im Club der Kulturschaffenden „Johannes R. Becher“
    • 7. November 1989: Zulassung durch die HV Film
    • 23. November 1989: Festliche Wiederaufführung im Berliner Kino „International“
    • 15. Februar 1990: Aufführung im Wettbewerb der Berlinale (außer Konkurrenz) im Berliner „Zoo-Palast“
    • 12. November 1965: Vorführung des Rohschnitts im Studio mit Vertretern der HV Film
    • 24. November 1965: Die Produktion von KARLA wird vorübergehend gestoppt.
    • 22. Dezember 1965: Die HV Film sperrt alle Ausgaben für den Film.
    • 5. Januar 1966: Die KAG legt auf 13 Seiten Vorschläge für eine Umarbeitung von KARLA vor, da dem Film vorgeworfen wird, dass er nicht der Politik der Partei entspräche.
    • 4. März 1966: Der neue Studiodirektor stellt den Antrag, den Film auszubuchen, da die politisch-ideologischen Mängel nicht beseitigt werden können. Trotzdem erfolgen im Studio bis in den August hinein geringe Änderungen am Film und Synchronarbeiten, um den Film zu retten.
    • 26. Juli 1966: Die HV Film weist die Studioleitung an, sämtliche Arbeiten am Film einzustellen.
    • 9. August 1966: Die Studioleitung beschließt den Abbruch der Endproduktion.

      ...
    • 30. Januar 1990: Zulassung durch die HV Film
    • 14. Juni 1990: Premiere der von Kameramann Günter Ost rekonstruierten Fassung im Filmtheater „International“
    • 2. Dezember 1965: Ende der Dreharbeiten
    • 22. Dezember 1965: Die HV Film sperrt alle Ausgaben für den Film.
    • 5. Januar 1966: Die SED-Betriebsorganisation führt den Film in einer Stellungnahme als einen derjenigen auf, die der Politik der Partei nicht entsprechen.
    • 21. Februar 1966: Abschließende Stellungnahme der HV Film, dass der Film für nicht veränderbar eingeschätzt wird. Damit ist eine weitere Bearbeitung des Materials nicht gestattet. Trotzdem ordnet der neue Studiodirektor an, drei Rollen vollständig zu synchronisieren und zu mischen.
    • 19. März 1966: Nach Sichtung des synchronisierten Materials im Studio wird im Studio entschieden, den Film fertigzustellen.
    • 6. Mai 1966: Abnahmevorführung vor der Studioleitung
    • 9. August 1966: Nach Verbot von SPUR DER STEINE bewertet die Studioleitung den Film neu. Er ist nicht den vom 11. Plenum kritisierten Filmen gleichzusetzen. Alle Arbeiten sind sofort einzustellen.

      ...
    • 18. Oktober 1990: Premiere im Berliner Filmtheater „Babylon
    • 28. Dezember 1965: Ende der Dreharbeiten
    • 30. Dezember 1965: Positive ideologische Einschätzung der KAG zum Film
    • 6. Mai 1966: Beendigung der Arbeiten am Rohschnitt und der Synchronisation
    • 10. Mai 1996 Vorführung des Rohschnitts vor der KAG, der Studioleitung sowie Mitgliedern ZK der SED und dem Zentralrat der FDJ. Nach kontroverser Diskussion wird der Film nicht abgenommen.
    • Bis Oktober 1966: Weitere Arbeiten am Film. Beginn der Arbeiten am Feinschnitt und der Vormischung. Die Musik liegt noch nicht vor. Diverse Vorführungen und Bewertungen folgen. Wolfgang Kohlhaase und Gerhard Klein kämpfen auf allen Ebenen um ihren Film.
    • 25. Oktober 1966: Die Studioleitung entscheidet, den Film nicht abzunehmen.

      ...
    • 8. September 1987: Im Rahmen der 750-Jahr-Feier Berlins erhält der Film (Rohschnitt) die Zulassung zur Vorführung des Staatlichen Filmarchivs.
    • 10. November 1987: Uraufführung der Rohschnittfassung
    • 10. Mai 1990: Premiere im Berliner Filmtheater „International“
    • Oktober 1965: Bestätigung des Filmstoffs durch die KAG
    • 2. März 1966: Abnahme des Drehbuchs durch die KAG
    • 23. Mai 1966: Beginn der Dreharbeiten (nach Mittelfreigabe durch Studio und Einreichung des Drehbuchs bei der HV Film)
    • 20. August 1966: Ende der Dreharbeiten
    • 17. September 1966: Abbruch aller Arbeit am Film mit Beschluss der HV Film nach Sichtung des Rohschnitts, da die Geschichte gegenüber dem Drehbuch gesellschaftlich nicht ausreichend determiniert ist.

    • 6. Februar 1990: Uraufführung der Rohschnittfassung in der Akademie der Künste
    • 17. Februar 1990: Aufführung im Forum der Berlinale im Kino „Delphi“
    • 11. Oktober 1990: Premiere im Berliner Filmtheater „Babylon
    • Sämtliches Material ist verschollen und aller Voraussicht nach vernichtet.
    • 11. September 1965: Beginn der Dreharbeiten
    • 7. Januar 1966: Ende der Dreharbeiten
    • 14. April 1966: Abnahme des Films durch die KAG und die Studioleitung
    • 19. April 1966: Empfehlung durch die HV Film und dasMinisterium des Innern, den Film nicht zuzulassen. Weitere Gespräche sollen geführt werden.
    • Bis Juli 1966: Umarbeiten am Film
    • 27. September 1966: Die Studioleitung widerruft ihren Vorschlag zur staatlichen Abnahme

      ...
    • 21. April 1970: Nach Anregung des DEFA-Hauptdirektor Bruk, den fertigen Film zur öffentlichen Aufführung zu bringen, erfolgt eine erneute Vorführung vor der HV Film und eine endgültige Ablehnung der Zulassung aus „politischen und kulturpolitischen Gründen“.

      ...
    • 2008/09: Rekonstruktion des Films in Zusammenarbeit zwischen der DEFA-Stiftung und dem Bundesarchiv
    • 28. Juni 2009: Premiere im Kino „International“ in Berlin
    • 10. Mai 1965: Beginn der Dreharbeiten. Später: Unterbrechung aufgrund einer Erkrankung des Regisseurs
    • 7. März 1966: Fortsetzung der Dreharbeiten
    • 5. Juli 1966: Abnahme der Mischfassung durch die Studioleitung, Vorschlag der KAG für das Prädikat „wertvoll“
    • 10. August 1966: Sichtung des Films durch die HV Film. Stellungnahme, dass der Film aus ideologischen und künstlerischen Gründen weder für den Export noch für den Einsatz in der DDR geeignet ist.
    • 5. Dezember 1966: Nach diversen Kämpfen um den Film kann der Autor Franz Fühmann den Film sichten. Es wird protokolliert, dass der Autor Franz Fühmann und der Regisseur Ralf Kirsten nicht damit übereinstimmen, „dass sich sozialistische Künstler über eine generelle humanistische Position erheben sollten.“

      ...
    • 1970: Überarbeitungen im Hinblick auf eine Aufführung zum 100. Geburtstag Ernst Barlachs
    • 22. April 1971: Premiere im Berliner Kino „Colosseum“

Filme, die unmittelbar vor Drehbeginn stehen, wie Rainer Simons geplantes Debüt DIE MORAL DER BANDITEN, werden wieder ausgeplant.

Als Sanktion der Parteiführung werden nach dem Plenum auf dem Gebiet des Filmwesens folgende beteiligte Künstler und Funktionäre entlassen bzw. abberufen (Dezember 1965 bis Ende 1966):

  • Hans Bentzien, Minister für Kultur (abberufen im Dezember 1965)
  • Dr. Günter Witt, Stellvertreter des Ministers und Leiter der HV Film (abberufen im März 1966)
  • Siegfried Wagner, Leiter Abteilung Kultur des ZK (abberufen 1966)
  • Joachim Mückenberger, Direktor des Studios für Spielfilme (abberufen am 2. Februar 1966)
  • Dr. Werner Kühn, Parteisekretär des DEFA-Studios für Spielfilme (abberufen am 19. August 1966)
  • Dr. Günter Karl, Leiter der Künstlerischen Arbeitsgruppe „Roter Kreis“ (abberufen 10. März 1966, entlassen im September 1966)
  • Klaus Wischnewski, Leiter der Künstlerischen Arbeitsgruppe „Heinrich Greif“ (Details finden sich in dieser Chronik unter dem Eintrag zum 23. August 1966)
  • Frank Beyer, Regisseur (Details finden sich in dieser Chronik unter dem Eintrag zum 23. August 1966)
  • Günter Stahnke, Regisseur (Details finden sich in dieser Chronik unter dem Eintrag zum 23. Dezember 1965)
  • Mitarbeiter im Institut für Filmwissenschaft an der Deutschen Hochschule für Filmkunst: Dr. Heinz Baumert, Dr. Christiane Mückenberger und Dr. Günther Dahlke (Details finden sich in dieser Chronik unter dem Eintrag zum 22. Dezember 1965)

21. Dezember

Filmminister Witt weist Disziplinarverfahren und finanzielle Konsequenzen für die Verantwortlichen von DAS KANINCHEN BIN ICH und DENK BLOSS NICHT, ICH HEULE an.

Am 10. März 1966 erhalten deshalb die Regisseure Kurt Maetzig, Frank Vogel, die Dramaturgen Christel Gräf, Dieter Scharfenberg sowie die Künstlerische-Arbeitsgruppen-Leiter Dr. Günter Karl und Klaus Wischnewski im Rahmen eines Disziplinarverfahrens einen „Strengen Verweis“ (Regisseure und KAG-Leiter) oder „Verweis“ (Dramaturgen). Alle werden für den materiellen „Schaden“ in Höhe eines Monatsgehalts haftbar gemacht. Kurt Maetzig, Frank Vogel und Günter Stahnke werden zusätzlich die Gehälter gekürzt.
(Erika Richter: Zwischen Mauerbau und Kahlschlag 1961 bis 1965. In: Das zweite Leben der Filmstadt Babelsberg. Potsdam 1994, S. 196; Andreas Kötzing & Ralf Schenk (Hrsg): Verbotene Utopie. Die SED, die DEFA und das 11. Plenum. Schriftenreihe der DEFA-Stiftung. Berlin 2015, S. 121, 193f, 214)

22. Dezember

Die wissenschaftlichen Mitarbeiter des Instituts für Filmwissenschaft an der Filmhochschule Babelsberg Dr. Heinz Baumert, Dr. Christiane Mückenberger und Dr. Günther Dahlke werden fristlos entlassen. Im Bericht des Politbüros hieß es, das Institut „propagiert unter dem Mantel der Weltoffenheit Filme, die in ihrem Wesen (…) spießbürgerlichen Skeptizismus ohne Ufer, dem Nihilismus, Tür und Tor öffnen sollen.“ Heinz Baumert zeichnete unter anderem für die Herausgabe der „film.Wissenschaftliche Mitteilungen“ verantwortlich.

Christiane Mückenberger engagierte sich für Aufführung brisanter politischer tschechischer Filme und für DAS KANINCHEN BIN ICH. Sie erhält außerdem zehn Jahre Berufsverbot, Verbot der Teilnahme am Internationalen Dokumentarfilmfestival in Leipzig und Hausverbot in der Filmhochschule. Die wissenschaftlichen Mitarbeiter des Instituts für Filmwissenschaft an der Filmhochschule Babelsberg sind damit die Ersten im Filmbereich, die den Reglementierungen des 11. Plenums des ZK der SED zum Opfer fallen.
(Annelie und Andrew Thorndike: „Einige Bemerkungen zur Lage der DEFA“ vom 2. Dezember 1965 BArch Berlin. SAPMO, DY 30/J IV 2/2 J/1560 n.pag. In: Andreas Kötzing & Ralf Schenk (Hrsg): Verbotene Utopie. Die SED, die DEFA und das 11. Plenum. Schriftenreihe der DEFA-Stiftung. Berlin 2015, S. 443-462; Heinz Baumert: Das verbotene Heft. In Günter Agde (Hrsg.): „Kahlschlag, Das 11. Plenum des ZK der SED 1965“, 2. Auflage, Berlin 2000, S. 372-382; Nachlass Heinz Baumert. In: Filmuniversität Potsdam, Sammlungen; Interviews Dr. Heinz Baumert und Dr. Christiane Mückenberger. In: Günter Meyer & Thomas Kuschel: Ein bisschen Luft unter die Flügel . Deutschland, 2004, TV-Dokumentarfilm; Ralf Forster: Engagiert in Forschung und Lehre. Heinz Baumert und die frühe Filmwissenschaft in der DDR. In: Wie der Film unsterblich wurde. Vorakademische Filmwissenschaft in Deutschland. München: edition text + kritik 2015, S. 336ff)

22. Dezember

Der auf dem 11. Plenum hart kritisierte Regisseur Kurt Maetzig übt auf der aus aktuellem Anlass einberufenen Aktivtagung der SED im DEFA-Filmstudio umfassend Selbstkritik. Darin erklärt er seine tiefe Betroffenheit über die negative Reaktion auf DAS KANINCHEN BIN ICH, die nur in seinen eigenen Fehlern liegen können. Man solle ihm aber die gute Absicht glauben, die er mit dem DAS KANINCHEN BIN ICH verfolgt hat. Er sei sicher, dass das ebenso für die Schöpfer der anderen kritisierten Filme gilt. Er erkennt – im Gegensatz zu Stefan Heym u.a. – an, dass die Partei auch auf dem Gebiet der Kunst die letzte Instanz ist. Er sei deshalb zu der Erkenntnis gelangt, dass DAS KANINCHEN ein „schädlicher Film“ ist. Er hofft aber, dass der Klärungsprozess, der jetzt beginnt, nicht vom Gegner genutzt werden kann, einen Keil zwischen Künstler und ihre Partei zu treiben. Und es müssen (andere) Wege gefunden werden, wie das Publikum wieder erreicht werden kann.

Vorangegangen war ein 4,5 stündiges Gespräch, zu dem er zu Kurt Hager gebeten wurde. Hager „empfiehlt“ ihm, wenn er über die politische Einordnung der Situation nachgedacht hat, seine Sicht zu publizieren.
(Andreas Kötzing & Ralf Schenk (Hrsg): Verbotene Utopie. Die SED, die DEFA und das 11. Plenum. Schriftenreihe der DEFA-Stiftung, Berlin 2015, S. 124; Ralf Schenk: Zeitzeugengespräch Kurt Maetzig. DEFA-Stiftung, Berlin 1999; ND, 6. Januar 1966, S. 6)

23. Dezember

Filmminister Witt ordnet die fristlose Entlassung des Regisseurs Günter Stahnke nach §32GBA an, da nach Auffassung des Ministeriums drei Filme von ihm in Folge nicht zugelassen wurden. Da das rechtlich nicht durchzusetzen ist, drängt das Studio Stahnke am 7. Februar 1966 zu einem Aufhebungsvertrag. Als Stahnke Widerspruch einlegt, wird er letztendlich zum 31. Oktober 1966 ordentlich gekündigt.
(Erika Richter: Zwischen Mauerbau und Kahlschlag 1961 bis 1965. In: Das zweite Leben der Filmstadt Babelsberg. Potsdam 1994, S. 198; Andreas Kötzing & Ralf Schenk (Hrsg.): Verbotene Utopie. Die SED, die DEFA und das 11. Plenum. DEFA-Stiftung Berlin 2015, S. 228; Ferdinand und Katrin Teubner: Zeitzeugengespräch Günter Stahnke, DEFA-Stiftung 2014)

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