Filmstill zu "Mein lieber Robinson"

DEFA-Chronik für das Jahr 1977

 

Januar 1977

1. Januar

Hans Dieter Mäde, Kandidat des ZK der SED und seit 1972 Oberspielleiter am Maxim Gorki Theater in Berlin, wird neuer Generaldirektor des DEFA-Spielfilmstudios. Er löst Albert Wilkening ab, der mehr als 30 Jahre die Geschicke der DEFA in den verschiedensten Funktionen leitete. Mäde strukturiert das Studio um, sodass die Stoffentwicklung von der Filmproduktion getrennt wird. Die Funktion des Künstlerischen Direktors wird abgeschafft. Der ab Mai 1977 neu eingestellte Chefdramaturg Rudolf Jürschik ist verantwortlich für den Stoffvorlauf. In der Dramaturgie sind nun ca. 170 bis 210 Projekte in den unterschiedlichsten Stadien in Arbeit. Für literarische Arbeiten gibt es ein Budget von etwa 1,6 Millionen DDR-Mark. Daraus ergeben sich in der Regel 30 bis 35 Stoffe, die produktionsreif sind. Diese Entscheidungen bleiben dem Generaldirektor vorbehalten. Mäde bleibt bis August 1989 der Generaldirektor des DEFA-Spielfilmstudios. Sein Erster Stellvertreter ist der Direktor für Produktion, Gert Golde.
(Berliner Zeitung, 18. Dezember 1976, S. 6; Filmspiegel 1/1977, S. 2; Heiner Carow: Dank an Albert Wilkening. In: Film und Fernsehen 3/1977, S. 48f; Ralf Schenk: Eine kleine Geschichte der DEFA. Daten, Dokumente, Erinnerungen. DEFA-Stiftung 2006, S. 195; Michael Grisko: Albert Wilkening- Der Gentleman der DEFA. Peter Lang GmbH, Internationaler Verlag der Wissenschaften; Neuausgabe 2011, S. 228; Günter Jordan: Film in der DDR, Daten - Fakten - Strukturen, Filmmuseum Potsdam, 2. überarbeitete Fassung 2013, S. 134)

Februar 1977

Die Stadtverordnetenversammlung von Potsdam beschließt die Einrichtung des ersten Filmmuseums der DDR im barocken Marstall. Der Marstall, das einzige Relikt des preußischen Stadtschloss-Ensembles, war bis zu diesem Zeitpunkt als Depot und Notunterkunft für das Heimatmuseum genutzt worden.

Initiator dieses außergewöhnlichen Projekts ist der Generaldirektor der Staatlichen Schlösser und Gärten Potsdam-Sanssouci, Joachim Mückenberger, der im Zuge des 11. Plenums der SED 1966 als Generaldirektor des DEFA-Spielfilmstudios entlassen wurde. Er rettet damit das Gebäude, das zu seinem Verantwortungsbereich gehört, vor dem Abriss. Umfangreiche Restaurierungs- und Umbauarbeiten des Marstallgebäudes finden von 1977 bis 1980 statt. Parallel erfolgen Aufrufe an die Bevölkerung, technische Geräte des Films, Wiedergabe- und Aufnahmetechnik sowie Filmliteratur dem neuen Haus zur Verfügung zu stellen.
(Filmspiegel Nr.4/1977, S. 19; Peer Straube: Zum 90. Geburtstag von Joachim Mückenberger: Visionär und Retter . In: Potsdamer Neueste Nachrichten. 11. August 2016, Abruf: 15. Oktober 2024; Filmmuseum Potsdam: Geschichte Abruf 13. Oktober 2024)

21. Februar

JAKOB DER LÜGNER wird für den Oscar in der Kategorie „Bester fremdsprachiger Film“ nominiert. An der Verleihung in Los Angeles nehmen Regisseur Frank Beyer sowie die Hauptdarsteller Vlastimil Brodský und Erwin Geschonneck teil. Den Oscar erhält am 28. März schließlich der französische Film SEHNSUCHT NACH AFRIKA (OT: LA VICTOIRE EN CHANTANT, R: Jean-Jacques Annaud, 1976). Für Beyer eine schmerzliche Erfahrung: „(...) wenn der Moment kommt und die Stimme sagt ‚The winner is...’ und man hat den Hintern schon halb aus dem Sessel und ist es dann doch nicht... Ich würde mich einer solchen Prozedur nicht mehr aussetzen.“
(Filmspiegel 8/1977, S. 3; Ralf Schenk: Eine kleine Geschichte der DEFA. Daten, Dokumente, Erinnerungen. DEFA-Stiftung 2006, S. 196; Ralf Schenk : Regie: Frank Beyer, Edition Hentrich 1995, S. 75)

24. Februar

Premiere des DEFA-Spielfilms MAMA, ICH LEBE von Konrad Wolf. Der Stoff des Autors Wolfgang Kohlhaase schließt an Konrad Wolfs Erfahrungsumfeld deutscher Antifaschisten auf der sowjetischen Seite im Krieg an. Der Film will junge Leute zum Nachdenken anregen: „Würdest Du auf deine Landsleute schießen?“ Das Kriegsthema erreicht das junge DDR-Kinopublikum aber nur noch bedingt.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1976, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 23; Film und Fernsehen, 1/1977, S. 2-5, 7/1977, S. 8-12; Filmspiegel, 23/1976, S. 4-5, 3/1977, S. 5, 6/1977, S. 9; Treffpunkt Kino, 1/1977, S. 5-9; FWB, 1/1979, S. 97-98; BFF, 39/1990, S. 167-182; Aus Theorie und Praxis des Films: Kulturpolitik – Kunst, 2/1979, Teil 2, S. 88-106; Klaus Wischnewski: Träumer und gewöhnliche Leute 1966 bis 1979. In: Das zweite Leben der Filmstadt Babelsberg. Potsdam 1994, S. 238f)

März 1977

11. März

Die Heinrich-Greif-Preise des Jahres 1977 werden vergeben.

  • I. Klasse: An den Regisseur Joachim Kunert für seine publikumswirksamen Literaturverfilmungen DIE TOTEN BLEIBEN JUNG (1968), DIE GROSSE REISE DER AGATHE SCHWEIGERT (1972) und DAS SCHILFROHR (1974).
  • II. Klasse: An den Textautor Harald Thiemann und die Regisseurin Margot Spielvogel vom DEFA-Studios für Synchronisation für ihre Leistungen besonders bei der Synchronisation von sowjetischen Filmen mit Gegenwartsthematik.
  • III. Klasse: An die Schauspielerin Lotte Loebinger in Würdigung ihrer Leistungen bei der Gestaltung von proletarischen Frauen in Filmen.
  • III. Klasse: An den Leiter der Musikabteilung des DEFA-Studios für Dokumentarfilme Kurt Zander für die musikdramaturgische Gestaltung zahlreicher Dokumentarfilme.

(Filmspiegel, 6/1977, S. 2)

31. März

Auf der Plenartagung des Berliner Schriftstellerverbandes zeigen sich zwei konträre Positionen. Günther Görlich, Hermann Kant und andere verteidigen die Linie der SED bei der Ausbürgerung von Biermann, heftigste Kritik kommt dagegen unter anderem von Stefan Heym.
(ND, 1. April 1977, S. 1; Stefan Heym: Stalin verlässt den Raum. Politische Publizistik. Reclam Leipzig 1990, S. 163-166; Dagmar Schittly: Zwischen Regie und Regime. Die Filmpolitik der SED im Spiegel der DEFA-Produktionen. Ch. Links Verlag 2002, S. 205f)

Mai 1977

9. Mai

Der neu ins Amt berufene DEFA-Generaldirektor Hans Dieter Mäde wird von Erich Honecker zu einem einstündigen Gespräch unter vier Augen empfangen. Das Gespräch soll nirgendwo erwähnt werden und Honecker nicht zitiert werden. Mäde informiert am selben Tag den für die DEFA zuständigen Mitarbeiter des MfS, der die Unterredung schriftlich festhält.

Honecker kritisierte, dass Beschlüsse des VIII. Parteitags von einigen Kulturpolitikern und Künstlern falsch interpretiert würden. Als Negativbeispiel nannte er Heiner Carows Film IKARUS, den er als ebenso gefährlich wie DAS KANINCHEN BIN ICH (R: Kurt Maetzig) einstufte. In der Aussprache wies Mäde darauf hin, dass Kunstschaffende versuchten, die Studioleitung zu umgehen, indem sie sich direkt an Kurt Hager wandten, um abgelehnte Projekte (etwa von Egon Günther oder Heiner Carow) durchzusetzen. Honecker sicherte Mäde hierbei Rückendeckung zu: Hager sei nicht befugt, Druck auf die Studioleitung auszuüben. Zudem zeigte sich Honecker detailliert über Konrad Wolfs politisches Auftreten informiert und missbilligte, dass Hager den Regisseur Egon Günther empfangen hatte, nachdem dieser demonstrativ aus dem VFF ausgetreten war. Honecker forderte von Mäde künftig Filme, die „unvermittelt die Klassenauseinandersetzung mit dem BRD-Imperialismus unterstützen“. Der agitatorische Effekt müsse über dem künstlerischen Anspruch stehen. Mäde wurde angewiesen, loyale Kräfte zu bündeln, „labile“ Personen zur Mitarbeit zu drängen und „störende Elemente“ rigoros auszugrenzen.
(Ralf Schenk: Eine kleine Geschichte der DEFA. Daten, Dokumente, Erinnerungen. DEFA-Stiftung 2006, S. 197ff)

Juni 1977

20. Juni

Mit Manfred Krug verlässt einer der größten Filmstars die DDR. Seit 1957 wirkte er in unzähligen Produktionen der DEFA und des Fernsehens mit und übernimmt dabei über 60 Hauptrollen. Das Publikum liebt ihn besonders für seine lockere und authentische Art in Filmen wie FÜNF PATRONENHÜLSEN (R: Frank Beyer, 1960), AUF DER SONNENSEITE (R: Ralf Kirsten, 1961), MIR NACH, CANAILLEN! (R: Ralf Kirsten, 1964) oder HUSAREN IN BERLIN (R: Erwin Stranka, 1970).

Auch als Musiker setzt Krug Maßstäbe: Seine Interpretation des Sporting Life in „Porgy and Bess“ an der Komischen Oper Berlin ist ebenso legendär wie seine Karriere als Jazz-Sänger. Ab 1964 veröffentlicht er zehn Langspielplatten und absolvierte ausgedehnte Tourneen unter anderem mit Uschi Brüning, Ruth Hohmann und den Jazzoptimisten. Zudem prägt er zusammen mit Günter Fischer die von Werner Sellhorn initiierte Kult-Reihe „Jazz-Lyrik-Prosa“.

Der Bruch mit der Staatsmacht erfolgt 1976, als Krug den offenen Brief gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns unterzeichnet und sich auch in persönlichen Gesprächen mit Funktionären für dessen Rückkehr einsetzt. In der Folge gerät er ins Abseits: Adäquate Rollenangebote bleiben aus, Konzerte werden abgesagt und die Postzustellung wird unterbunden. Bereits fertiggestellte Filme wie FEUER UNTER DECK (R: Herrmann Zschoche, 1977) oder DAS VERSTECK (R: Frank Beyer, 1977) erhalten keine Aufführungsgenehmigung.
(Manfred Krug: Abgehauen… Econ Verlag 1996, S. 118, 198; Bundesstiftung Aufarbeitung: Vor 45 Jahren: Manfred Krug beantragt die Ausreise aus der DDR . Abruf: 29. März 2026)

Juli 1977

Nach der Ausbürgerung Wolf Biermanns wird das Spannungsfeld der künstlerischen Freiheit zwischen Staat und Kulturschaffenden unter völlig neuen Vorzeichen verhandelt. Konrad Wolf, namhafter Regisseur und Präsident der Akademie der Künste, warnt in einem Interview eindringlich vor einer Entfremdung vom Publikum: „[…] Ich bin fest davon überzeugt, dass jenes immer wieder ins Feld geführte Argument: ‚Das können wir unserm Zuschauer nicht anbieten, das ist zu kompliziert, zu scharf, zu heiß, zu kritisch‘ großen Schaden anrichtet. Ich habe das sichere Gefühl – ich könnte das auch belegen –, dass die Zuschauer unsere Filme gerade noch – ich sage: noch – dulden, aber sie werden mit Recht ungeduldig. Sie erwarten, sie fordern, dass wir uns endlich offener und direkter ihren Problemen zuwenden […].“
(Konrad Wolf: Über bequeme Sessel und unbequeme Filme. Interview. Aufgeschrieben von Günter Netzeband. In: Film und Fernsehen. Berlin 1977, Heft 7, S. 8ff)

6. Juli

Zu einer zentralen Beratung in Berlin kommen Vertreter der Akademie der Künste sowie die Vorstände der Künstlerverbände und des Kulturbundes der DDR zusammen. Kurt Hager, Mitglied des Politbüros des ZK der SED, referiert über die wachsende Bedeutung und die ideologische Funktion von Kunst und Kultur nach dem IX. Parteitag. Er unterstreicht die Notwendigkeit einer klaren Abgrenzung zum Westen: „[...] Gerade, weil unsere Republik erfolgreich voranschreitet, […] gerät der imperialistische Gegner in Wut und sucht der zunehmenden Ausstrahlungskraft der sozialistischen Kunst und Kultur mit einer hemmungslosen Verleumdungskampagne entgegenzuwirken. […]“
(ND, 6. Juli 1977, S. 2)

30. Juli

Im Alter von 80 Jahren stirbt Sepp Schwab (1897–1977), der von 1949 bis 1952 als Hauptdirektor das DEFA-Studio für Spielfilme leitete. Schwab, der Walter Janka ablöste, führt das Studio auf einen streng stalinistischen und moskauorientierten Kurs. In seine Amtszeit fällt 1951 das erste Verbot eines DEFA-Spielfilms: DAS BEIL VON WANDSBEK (R: Falk Harnack). Trotz der Hauptrolle des ehemaligen KZ-Häftlings Erwin Geschonneck wird das Werk auf Druck sowjetischer Berater zurückgezogen. Die absurde Begründung lautet, der Film erzeuge Mitleid mit dem NS-Henker.

Schwabs Lebensweg steht exemplarisch für die Gründergeneration der DDR: Geboren als Arbeiterkind, engagiert er sich früh in der sozialistischen Jugend und der KPD. Er ist an der Münchner Räterepublik beteiligt und verbringt in den 1920er-Jahren insgesamt acht Jahre in Haft. Nach seiner Emigration in die Sowjetunion (1930) arbeitet er für die Komintern (EKKI), wird von den Nationalsozialisten ausgebürgert und steht auf der Sonderfahndungsliste der Gestapo. Nach 1945 bekleidet er Spitzenpositionen im Filmwesen und im diplomatischen Dienst, zuletzt als stellvertretender Außenminister. Das ZK der SED würdigt sein Wirken mit einem umfassenden Nachruf.
(ND, 2. August 1977, S. 2; DEFA-Blende, 17/1977; Bundestiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur: Sepp Schwab . Abruf: 29. März 2026)

August 1977

13. August

In Berlin-Wilhelmshagen erfolgt die Grundsteinlegung für den Farbfilmbunker des Staatlichen Filmarchivs. Das ambitionierte Bauvorhaben ist mit 9 Millionen DDR-Mark veranschlagt, obwohl es für ein Projekt dieser Art kein Vorbild gibt. 1979 wird die Investition offiziell abgebrochen, dennoch kann der Bunker nutzbar fertiggestellt und 1983 bezogen werden. Das dazugehörige Filmbearbeitungsgebäude kommt hingegen über das Stadium einer Baugrube nicht hinaus – eine Fehlinvestition von rund 3 Millionen DDR-Mark.
(Wolfgang Klaue: 3 Millionen in den Sand gesetzt. In: Bilder des Jahrhunderts. Staatliches Filmarchiv der DDR 1955 – 1990. Erinnerungen. Berlin: Bertz + Fischer Verlag, 2015. Schriftenreihe der DEFA-Stiftung, S. 78-81)

28. August

Als Erstunterzeichnerin der Protesterklärung gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann gerät die Lyrikerin Sarah Kirsch 1976 ins Visier der Staatsmacht: Es folgen der Ausschluss aus der SED und im August 1977 die Enthebung aus dem Vorstand des Schriftstellerverbandes der DDR. Aus Solidarität erklärt Christa Wolf am 14. August 1977 ebenfalls ihren Rücktritt aus dem Vorstand, kann die drohende Eskalation jedoch nicht verhindern.

Am 21. August 1977 stellt Sarah Kirsch ihren Ausreiseantrag direkt bei Erich Honecker. In einem ironisch-höflichen Ton bittet sie ihn um Hilfe beim Umzug. Die Antwort erfolgt prompt: Nur sieben Tage später reist sie aus der DDR aus. Als unmittelbare Sanktion wird der bereits im Druck befindliche Band „Poesiealbum 330“ mit ihren Werken eingestampft.

Ab 1983 lebt Sarah Kirsch zurückgezogen in Schleswig-Holstein. Ihre politische Kompromisslosigkeit behält sie bei: Die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes lehnt sie mit Verweis auf die NS-Vergangenheit des damaligen Bundespräsidenten Karl Carstens ab. Ihr lyrisches Schaffen wird dennoch vielfach gewürdigt, unter anderem mit der Ehrenprofessur des Landes Schleswig-Holstein.

September 1977

23. September

Das DEFA-Lustspiel EIN IRRER DUFT VON FRISCHEM HEU feiert Premiere. Unter der Regie von Roland Oehme entsteht die Verfilmung des gleichnamigen Erfolgsstücks von Rudi Strahl. Obwohl sich die DEFA mit dem Genre der Komödie traditionell schwergetan hat, gelingt hier ein Publikumserfolg: Zwischen dem pragmatischen Parteisekretär und dem schlitzohrigen Dorfpfarrer weht ein Hauch von „Don Camillo und Peppone“. Der Film überzeugt nicht nur das Publikum, sondern auch die Fachwelt und wird 1978 mit dem Kritikerpreis als bester komischer Film ausgezeichnet.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1977, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 22; Film und Fernsehen, 12/1977, S. 34; Filmspiegel, 18/1977, S. 4; 22/1977, S. 4-5, 25/1977, S. 14; FWB, 1/1979, S. 92-93; Aus Theorie und Praxis des Films: Kulturpolitik – Kunst, 2/1979, Teil 1, S. 71-77, Aus Theorie und Praxis des Films, Studienmaterial, 8/1981, Teil 1, S. 95-105; Klaus Wischnewski: Träumer und gewöhnliche Leute 1966 bis 1979. In: Das zweite Leben der Filmstadt Babelsberg. Potsdam 1994, S. 256; F.-B. Habel: Das große Lexikon der Spielfilme, Neuausgabe in zwei Bänden, Schwarzkopf & Schwarzkopf 2017, S. 408f)

25. September

Frank Beyer, einer der bedeutendsten Regisseure der DEFA (bekannt unter anderem für SPUR DER STEINE und JAKOB DER LÜGNER), richtet einen offenen Brief an den Generaldirektor des Studios, Hans Dieter Mäde. Der Brief ist eine Reaktion auf die Ablehnung seines Filmprojekts „Schlaflose Tage“ nach der Vorlage von Jurek Becker.

Beyer bilanziert darin die systematische Blockade seiner Arbeit: Seit 1975 lehnt das Studio konsequent alle seine Projekte mit Gegenwartsthemen ab, darunter Stoffe von Alfred Wellm („Pause für Wanzka“) und Klaus Schlesinger („Alte Filme“). Insbesondere die produktive Partnerschaft mit Jurek Becker wird dadurch unterbunden. Beyer kritisiert diesen Kurs scharf: „[…] Meiner Ansicht nach muss es das Anliegen jeder Studioleitung sein, langfristige Zusammenarbeit von Autoren und Regisseuren zu organisieren, und nicht, sie zu zerstören. […] Ich habe keine Lust mehr, im Namen der Zukunft Vergangenheitsbewältigung zu betreiben und mich damit an der Bewältigung der Gegenwart vorbeizudrücken.“ Er fordert das Recht ein, die Erfahrungen seiner eigenen Generation zu thematisieren, anstatt sich künstlerisch in die Vergangenheit zu flüchten.

Die Reaktion der Studioleitung ist rein administrativ und repressiv: Hans Dieter Mäde leitet das Schreiben umgehend an das ZK der SED weiter, untersagt jedoch jede interne Diskussion des Briefes innerhalb der DEFA. Auch Beyers Versuch, den Text in der Fachzeitschrift Film und Fernsehen zu veröffentlichen, scheitert am Veto des Chefredakteurs Günter Netzeband.
(Ralf Schenk: Eine kleine Geschichte der DEFA. Daten, Dokumente, Erinnerungen. DEFA-Stiftung 2006, S. 199f; Frank Beyer: Wenn der Wind sich dreht. Meine Filme. Mein Leben. Econ Verlag München 2001. S. 399-408; Ralf Schenk: Ein Mann mit Grundsätzen. – Frank Beyer. Am 26. Mai 2022 wäre der Filmregisseur Frank Beyer 90 Jahre alt geworden. Filmdienst Mai 2022)

Oktober 1977

Die Französische Föderation der Filmclubs (FFCC) präsentiert in Frankreich eine Auswahl bedeutender Produktionen des DDR-Kinos. Gezeigt werden unter anderem die Filme DER DRITTE (R: Egon Günther, 1971), DER NACKTE MANN AUF DEM SPORTPLATZ (R: Konrad Wolf, 1973), BANKETT FÜR ACHILLES (R: Roland Gräf, 1975) sowie IKARUS (R: Heiner Carow, 1975). Die Werkschau ermöglicht dem französischen Publikum einen vertieften Einblick in das zeitgenössische Schaffen der DEFA.
(Filmspiegel, 3/1978, S. 26-27)

1. Oktober

Die VIII. Kunstausstellung der DDR wird in Dresden eröffnet. Erstmals kann sich die Filmszenografie als eigenständige Kunstgattung präsentieren. Die Ausstellung ist bis zum 2. April 1978 geöffnet.
(Film und Fernsehen, 5/1978, S. 42)

6. Oktober

Die Nationalpreise für Kunst und Literatur des Jahres 1977 werden vergeben.

  • II. Klasse: An das Kollektiv der Dramaturgie für Kinder beim Fernsehen der DDR um Regisseur Celino Bleiweiß, Regisseur Wolfgang Hübner, Kameramann Horst Netzeband, Dramaturgin Beate Peters-Hanspach und Dramaturg Hans-Jürgen Stock. 
  • II. Klasse: An die Schauspielerinnen Marianne Wünscher und Inge Keller in Anerkennung ihrer vielseitigen Leistungen.
  • II. Klasse: An den Autor Wolfgang Kohlhaase in Würdigung seiner Leistungen für die realistische Filmkunst.
  • III. Klasse: An den Dokumentarfilmregisseur Karl Gass in Würdigung seiner Leistungen als Filmdokumentarist.
  • III. Klasse: An den Regisseur Lothar Warneke für seine Leistungen bei der Gestaltung von Gegenwartsfilmen der DEFA.

(ND, 8. Oktober 1977, S. 4; Mitteilungsblatt des VFF, 5/6, 1977, S. 74)

7. Oktober

Der abendfüllende DEFA-Dokumentarfilm DIE ALTE NEUE WELT von Annelie und Andrew Thorndike feiert seine festliche Premiere. Das Regie-Duo unternimmt darin den ambitionierten Versuch, zwei Millionen Jahre Menschheitsgeschichte – von der Urgesellschaft über den Feudalismus bis hin zum Sozialismus – in das Verhältnis zu vier Milliarden Jahren Erdgeschichte zu setzen. Seit 1974 arbeitete das Kollektiv an dieser Mammutaufgabe. Besonders hervorzuheben ist die Arbeit der Gewerke: Die Grafik von Ebo Baumann und Siegfried Ebert sowie die Trickgestaltung von Hans Moser und Thomas Rosié schaffen eine bemerkenswerte Symbiose aus authentischem Material und Animation.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1977, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 104; Film und Fernsehen, 11/1977, S. 11-21, Filmspiegel, 20/1977, S. 4-7, 21/1977, S. 2; Gerhard Knopfe: Kalendarium einer deutschen Spezies. In: Schwarzweiß und Farbe, DEFA-Dokumentarfilme 1946-92. Filmmuseum Potsdam 1996, S. 326ff)

13. Oktober

Der DEFA-Spielfilm DIE FLUCHT von Regisseur Roland Gräf feiert Premiere. Getarnt als Kriminalfilm, verhandelt das Werk das hochsensible Thema der Republikflucht auf tiefgründige Weise und legt die vielschichtigen Motive sowie das schmerzhafte Für und Wider des Verlassens der Heimat offen. Dass der Protagonist – verkörpert von Armin Mueller-Stahl – letztlich scheitert, war unter den damaligen politischen Bedingungen in der DDR unumgänglich. Die Realisierung des Films wird möglich, da die Führung erkennt, dass das Thema nicht länger totgeschwiegen werden kann; man hofft, wechselwillige Bürger durch die filmische Darstellung doch noch von den Vorzügen des Sozialismus zu überzeugen. Im Jahr 1978 erhält das Werk den Heinrich-Greif-Preis 1. Klasse. Der Film markiert zugleich den Abschied von Armin Mueller-Stahl, für den es die letzte Arbeit für die DEFA bleibt.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1977, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 22; Film und Fernsehen, 9/1977, S. 36-37; Filmspiegel, 23/1977, S. 12; FWB, 1/1979, S. 89-91; Aus Theorie und Praxis des Films, Studienmaterial, 8/1981,Teil 1, S. 79-94; Mitteilungen des VFF, 5/6, 1977, S. 68-69; Klaus Wischnewski: Träumer und gewöhnliche Leute 1966 bis 1979. In: Das zweite Leben der Filmstadt Babelsberg. Potsdam 1994, S. 256; Dorothee Wenner: Zum Œuvre Roland Gräfs In: apropros: Film 2001.Das Jahrbuch der DEFA-Stiftung. Berlin 2001, S. 150f; Roland Gräf: Die Flucht. In: Ingrid Poss, Peter Warnecke (Hg): Die Spur der Filme, Zeitzeugen über die DEFA, Ch. Links Verlag, Berlin 2. Auflage 2006 S. 322)

November 1977

8. November

Das Politbüro des ZK der SED verabschiedet den Beschluss „Aufgaben der Literatur- und Kunstkritik“. Ziel dieser Maßnahme ist es, das durch die Biermann-Ausbürgerung und die darauffolgenden Repressionen tief erschütterte Vertrauen der Künstlerschaft zurückzugewinnen.

Die neue Richtlinie gibt vor, Probleme künftig „nicht zu verwischen oder zu verschweigen“. Fehler oder Schwächen einzelner Kunstwerke sollen stattdessen „mit Verständnis für die Kompliziertheit künstlerischer Schaffensprobleme offen besprochen“ werden. Hinter dieser scheinbaren Offenheit verbirgt sich der Versuch der Parteiführung, den Dialog mit den Kulturschaffenden zu normalisieren, ohne dabei die ideologische Kontrolle grundsätzlich aufzugeben.
(Sonntag, Berlin, 48/1977, S. 2-3; Mitteilungsblatt des VFF, 1/2, 1978, S. 5-66)

11. November – 2. Dezember

Der österreichische Filmclub ACTION veranstaltet in Zusammenarbeit mit der Hauptverwaltung Film des DDR-Kulturministeriums und dem DEFA-Außenhandel die „Wochen des antifaschistischen Films der DDR“ in Wien. Vom 5. bis zum 12. Dezember wird die Reihe zudem in Graz fortgesetzt. Das Programm umfasst insgesamt 30 Spiel- und sechs Dokumentarfilme. Die Werkschau ist in verschiedene Themenblöcke unterteilt, die von der Entstehung des Faschismus bis zur Auseinandersetzung mit dem Neofaschismus reichen: „Vorfeld des Faschismus“, „Die Unpolitischen“, „Die Verfolgten“, „Die Widerstandskämpfer“, „Nationalsozialismus und zweiter Weltkrieg“, „Nachkriegszeit“ und Neofaschismus“. Zu den gezeigten Klassikern gehören Wolfgang Staudtes Trümmerfilm DIE MÖRDER SIND UNTER UNS (1946), Frank Beyers oscarnominiertes Werk JAKOB DER LÜGNER (1974) sowie Konrad Wolfs MAMA, ICH LEBE (1976). Auch dokumentarische Arbeiten wie DU UND MANCHER KAMERAD (1956) und UNTERNEHMEN TEUTONENSCHWERT (1958) von Andrew und Annelie Thorndike sowie DER PRÄSIDENT IM EXIL (1969) und DER LACHENDE MANN (1966) von Heynowski & Scheumann sind Teil der umfangreichen Retrospektive.
(Film und Fernsehen, 1/1978, S. 2; Filmspiegel, 26/1977, S. 30)

18. November

Jürgen Böttcher stellt seinen Dokumentarfilm IM LOHMGRUND dem Publikum vor. Im Zentrum des Werks stehen die Bildhauer Peter Makolies und Hartmut Bonk bei ihrer Arbeit in einem sächsischen Steinbruch. Der Film thematisiert das Spannungsfeld zwischen menschlicher Schöpferkraft und unberührter Natur, zwischen Bewegung und Ruhe sowie zwischen Infragestellung und Bewahrung. Böttcher zwingt den Betrachter zum genauen Hinsehen: Er verzichtet auf schnelle Schnitte und lässt die Vorgänge organisch mit dem Bild entstehen. Durch diese meditative Beobachtung macht er die harte körperliche Arbeit und den künstlerischen Prozess unmittelbar erfahrbar.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1976, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 46; Eduard Schreiber: Zeit der verpassten Möglichkeiten. In: Schwarzweiß und Farbe, DEFA-Dokumentarfilme 1946-92. Filmmuseum Potsdam 1996, S. 160)

28. November

Das renommierte Dokumentarfilm-Duo Walter Heynowski und Gerhard Scheumann präsentiert seinen neuesten Film VIETNAM 4 – DIE EISERNE FESTUNG. Das Werk dokumentiert den langjährigen Kampf des vietnamesischen Volkes um nationale Selbstbestimmung und Freiheit. Mit diesem vierten Teil schließt das Studio H&S seine international beachtete Vietnam-Reihe ab. Nur wenige Wochen nach dem offiziellen Kriegsende fängt die Kamera Bilder einer neuen, friedlichen Menschlichkeit ein: Der Film zeigt Greise, die erstmals das Lesen erlernen, Schwerkranke, die medizinische Hoffnung erhalten, und Kinder, die nun die Schule besuchen, anstatt auf der Straße betteln zu müssen.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1977, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 107; Film und Fernsehen, 4/1978, S. 11-13; Eduard Schreiber: Zeit der verpassten Möglichkeiten. In: Schwarzweiß und Farbe, DEFA-Dokumentarfilme 1946-92. Filmmuseum Potsdam 1996, S. 149)

Dezember 1977

5. Dezember

Jurek Becker, einer der bedeutendsten Drehbuchautoren der DDR, verlässt das Land und siedelt in die BRD über. Seine Biografie ist tief gezeichnet von den Schrecken des 20. Jahrhunderts: Als Kind einer jüdischen Familie, die fast vollständig im Holocaust ermordet wird, wächst er im Ghetto und im KZ Ravensbrück auf. 

Nach seinem Studium an der Deutschen Hochschule für Filmkunst in Potsdam-Babelsberg beginnt seine Karriere 1961 mit satirischen Kurzfilmen. Bis 1977 verfasst Becker – teils unter dem Pseudonym Georg Nikolaus – 13 Drehbücher für die DEFA und das Fernsehen. Sein Spektrum reicht von Sittenkomödien wie OHNE PASS IN FREMDEN BETTEN (1964) über historische Stoffe (JUNGFER, SIE GEFÄLLT MIR, 1968) bis hin zu politisch Werken wie MEINE STUNDE NULL (1970). Sein künstlerisches Hauptwerk ist JAKOB DER LÜGNER. Das bereits 1963 vorliegende Exposé wird nach jahrelangen Verzögerungen und dem Erfolg der Romanfassung erst 1974 realisiert. Der Film schreibt Geschichte: Als einzige Produktion der DDR wird er für den Oscar nominiert und gewinnt bei der Berlinale 1975 den Silbernen Bären für den besten Darsteller.

Beckers Verhältnis zur Staatsmacht ist seit einiger Zeit zerrüttet. 1968 verweigert er im Schriftstellerverband die Solidaritätserklärung zum Einmarsch in die Tschechoslowakei. 1976 verteidigt er den bedrängten Autor Reiner Kunze und gehört zu den Erstunterzeichnern der Resolution gegen die Biermann-Ausbürgerung. Als Reaktion folgt der Ausschluss aus der SED und der Verlust seines Sitzes im Vorstand des Schriftstellerverbands.

Nachdem die Veröffentlichung seines Romans „Schlaflose Tage“, dessen Verfilmung sowie der Einsatz des Films DAS VERSTECK (R: Frank Beyer) massiv behindert werden, entschließt sich Becker zur Übersiedlung in die BRD. Er erhält ein außergewöhnliches, auf zwei Jahre befristetes Ausreisevisum, das ihm die mehrfache Ein- und Ausreise gestattet – ein politischer Präzedenzfall. 1979 wird dieses Visum mit ausdrücklicher Genehmigung Erich Honeckers um zehn Jahre verlängert. Während Beckers Bücher weiterhin in der DDR erscheinen dürfen, blockt die DEFA jede weitere Zusammenarbeit mit Frank Beyer ab. Lediglich ein Studentenfilm der HFF greift 1988 noch einmal auf eine seiner Vorlagen zurück.
(Thomas Diecks: Jurek Becker , NDB-online, Abruf: 18. August 2024; Günter Agde (Hrsg): Die langen Schatten danach. Texte nichtrealisierter Filme der DEFA 1965/66; Ralf Schenk: Ein Mann mit Grundsätzen – Frank Beyer. Filmdienst Mai 2022)

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