DEFA-Chronik für das Jahr 1979
Januar 1979
12. Januar
Die Erstaufführung des DEFA-Dokumentarfilms MARTHA (R: Jürgen Böttcher) findet statt. Jürgen Böttcher begleitet die 68-jährige Martha, eine der ältesten Trümmerfrauen Berlins, an ihrem letzten Arbeitstag. Er wendet sich radikal der Vergangenheit zu, obwohl der Film fest in der Gegenwart verankert bleibt. Lange Fahrten durch Trümmerlandschaften und die Beobachtung Marthas bei ihrer schweren, eintönigen Tätigkeit unterstreichen seinen Respekt für die Leistung der Aufbaugeneration. Wie häufig bei Böttcher ist auch dieser Film bei der Obrigkeit umstritten: Sie hinterfragt, warum der Fokus ausgerechnet auf einer alten, Steine klopfenden Arbeiterin liegt, während sich der Fortschritt doch wesentlich besser anhand des maschinellen Aufbaus in den Neubaugebieten inszenieren ließe.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1978, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 44; Film und Fernsehen, 3/1979, S. 12; Filmspiegel, 1/1979, S. 23; Erika Richter: Frauenbilder im Ost- und Westdeutschen Dokumentarfilm. In: Der geteilte Himmel. Reihe Close Up Nr. 13, Stuttgart 2000, S. 13; Eduard Schreiber: Zeit der verpassten Möglichkeiten. In: Schwarzweiß und Farbe, DEFA-Dokumentarfilme 1946-92. Filmmuseum Potsdam 1996, S. 171; Ralf Schenk: Eine kleine Geschichte der DEFA. Daten, Dokumente, Erinnerungen. DEFA-Stiftung 2006, S. 203)
Februar 1979
2. – 9. Februar
In Gera findet erstmals das Nationale Festival „Goldener Spatz“ für Kinderfilme der DDR statt. Die Leitung setzen Filmszenarist Günter Mehnert als Festivalpräsident, Filmkritiker Heinz Hofmann als Jurypräsident sowie Filmkritikerin Ingeborg Zimmerling als Mentorin der Kinderjury zusammen. Getragen wird das Ereignis vom Ministerium für Kultur der DDR, dem Staatlichen Komitee für Fernsehen, dem Rat des Bezirkes Gera sowie dem VFF der DDR.
Die ersten Preise gehen an den Spielfilm DAS RAUBTIER (R: Walter Beck) und den Trickfilm URWALDMÄRCHEN (R: Katja Georgi). Das Festival etabliert sich fortan im zweijährigen Rhythmus. In den Folgejahren zählen neben Spiel- und Dokumentarfilmen regelmäßig Trickfilme zu den Preisträgern, darunter DIE FLIEGENDE WINDMÜHLE (R: Günter Rätz, 1983), DAS GESTOHLENE GESICHT (R: Lothar Barke, 1987) sowie der letzte abendfüllende DEFA-Puppentrickfilm DIE SPUR FÜHRT ZUM SILBERSEE (R: Günter Rätz, 1990).
(Film und Fernsehen, 2/1979, S. 2; Filmspiegel, 1/1979, S. 14-15, 2/1979, S. 24-25, 6/1979, S. 2, 23-25 , 26; Mitteilungsblatt des VFF, 1/1979; ND, 31. Januar 1979; BFF, 4/1985, S. 66; Ralf Schenk: Eine kleine Geschichte der DEFA. Daten, Dokumente, Erinnerungen. DEFA-Stiftung 2006, S. 204)
9. Februar
Der DEFA-Spielfilm ZÜND AN, ES KOMMT DIE FEUERWEHR unter der Regie von Rainer Simon feiert Premiere. Nach dem politisch missliebigen EULENSPIEGEL vor drei Jahren ist dies Simons erster neuer Film, nachdem mehrere zwischenzeitliche Projekte scheiterten.
Die historische Komödie besticht durch eine prominente Besetzung, darunter Winfried Glatzeder und Kurt Böwe. Der gestalterische Aufwand ist beträchtlich: Das Städtchen Kohren-Sahlis wird optisch in das Jahr 1906 zurückversetzt. Hierfür wird das Straßenpflaster entfernt, werden Fensterrahmen ausgetauscht und Fernsehantennen demontiert. Mehrere hundert Einwohner wirken als Komparsen mit. Für die Szenen im brennenden Stadtgefängnis dient ein Gebäude in einem Dorf, das dem Braunkohletagebau weichen muss. Ein aufwendiges System aus achtzig Propangasbehältern und Rohrleitungen mit Austritten im Zehn-Zentimeter-Abstand sorgt für kontrollierte Flammen um die Fenster. Die Dreharbeiten folgen einem präzisen Rhythmus: Auf das Kommando „Feuer ab! – Ton ab! – Kamera ab! – Bitte!“ folgt nach Drehschluss der Befehl „Feuer aus! – Wasser ab!“, woraufhin zwei Feuerwehren das Gebäude nach jeder Einstellung unter Wasser setzen.
(Film und Fernsehen, 7/1979, S. 36-37; Filmspiegel, 5/1979, S. 12; Aus Theorie und Praxis des Films, 4/1980, S. 143-153; FWB, 1/1980, S. 155-156)
März 1979
Wolfgang Kernicke, seit zehn Jahren Direktor des DEFA-Studios für Trickfilme in Dresden und als politischer Hardliner bekannt, scheidet aus seinem Amt aus. Seine Ära ist geprägt von einer starken ideologischen Ausrichtung des Filmschaffens, die in ihrem Eifer oft über die Forderungen übergeordneter Gremien hinausgeht. Die Leitung übernimmt Ernst A. Schade, der die Funktion für zwei Jahre ausübt.
(Marion Rasche: Der Mann in der Flasche. In: Die Trickfabrik. DEFA-Animationsfilme 1955-1990. Hrsg. Ralf Schenk & Sabine Scholze. Dresden/Berlin 2003, S. 130; Günter Jordan: Film in der DDR, Daten - Fakten - Strukturen, Filmmuseum Potsdam, 2. überarbeitete Fassung 2013, S. 184)
9. März
Die Heinrich-Greif-Preise des Jahres 1979 werden vergeben:
- I. Klasse: An das Schöpferkollektiv des DEFA-Spielfilms ANTON DER ZAUBERER um Regisseur Günter Reisch, Autor Dr. Karl-Georg Egel und Hauptdarsteller Ulrich Thein für ihren Beitrag zur Entwicklung der sozialistischen Filmkomödie.
- II. Klasse: An ein Kollektiv des DEFA-Studios für Dokumentarfilme um Volker Koepp, Dr. Wolfgang Geier und Christian Lehmann für die realistische Darstellung von Entwicklungsprozessen und der Lebensumwelt werktätiger Menschen in der DDR.
(Filmspiegel, 7/1979, S. 2; ND, 10. März 1979, S. 4)
30. März
Premiere des DEFA-Spielfilms P.S. unter der Regie von Roland Gräf. Der Film zählt zu den Werken der sogenannten dritten Generation von DEFA-Regisseuren, die kleine, intime Gegenwartsgeschichten mit semidokumentarischen Mitteln erzählen. Die Hauptfigur P.S. stammt aus einem Kinderheim, geht ihre ersten Schritte in die Unabhängigkeit und muss lernen, sich in der Welt allein zu behaupten.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1978, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 21; Film und Fernsehen, 3/1979, S. 9-11; Filmspiegel, 9/1979, S. 22; Aus Theorie und Praxis des Films, 4/1980, S. 71-78, Aus Theorie und Praxis des Films, Studienmaterial, 9/1981, Teil 2, S. 204-216; FWB, 1/1980, S. 150-152; Klaus Wischnewski: Träumer und gewöhnliche Leute 1966 bis 1979. In: Das zweite Leben der Filmstadt Babelsberg. Potsdam 1994, S. 259; Ralf Schenk: DEFA 1946-1992. 100 Jahre Studio Babelsberg. Filmmuseum Potsdam 2012, S. 137)
April 1979
In Helsinki finden Tage des DDR-Kinderfilms statt. Die dreitägige Veranstaltung erfolgt anlässlich des 30. Jahrestages der Gründung der DDR sowie des Internationalen Jahres des Kindes. Als Veranstalter fungieren das Finnische Film- und Televisionserziehungszentrum in Zusammenarbeit mit dem DDR-Kulturzentrum.
(Filmspiegel, 10/1979, S. 2)
1. April
Joop Huisken (1901–1979), einer der Mitbegründer des Dokumentarfilms in der DDR, stirbt im Alter von 78 Jahren in Berlin. Seit 1946 wirkt er als Regisseur und Kameramann im DEFA-Studio für Dokumentarfilme. Sein Regiedebüt gibt er im selben Jahr mit POTSDAM BAUT AUF. Der gebürtige Amsterdamer dreht bereits in den 1930er-Jahren erste eigene Dokumentarfilme und engagiert sich in der VVVC, der späteren Vereinigung der Freunde der Sowjetunion. 1941 zur Zwangsarbeit nach Deutschland verpflichtet, entscheidet er sich nach 1945 für einen Verbleib im Land. Neben seinem dokumentarischen Schaffen gibt er sein Wissen als Dozent für Kamera und Regie an die HFF Potsdam-Babelsberg weiter. Für seine Leistungen bei Produktionen wie IMMER BEREIT (Kamera), LIED DER STRÖME (Mitarbeit Regie), CHINA – LAND ZWISCHEN GESTERN UND MORGEN, TURBINE I und 1952 - DAS ENTSCHEIDENDE JAHR wird er im Kollektiv mit dem Nationalpreis sowie dem Heinrich-Greif-Preis geehrt.
(ND, 11. Juni 1979, S. 8, 17. April 1979, S. 8; Film und Fernsehen, 10/1979, S. 34-38; Filmspiegel, 10/1979, S. 2; Deutsche Filmkunst, 6/1957, S. 175-176; Filmdokumentaristen der DDR, Berlin, 1969, S. 273-291, 413-414; FBJ 1979, S. 135; Film A-Z: Taschenbuch der Künste, Berlin, 1984, S. 142-143; Renate Biehl: Regisseurinnen und Regisseure der DEFA in: Schwarzweiß und Farbe, DEFA-Dokumentarfilme 1946-92. Filmmuseum Potsdam 1996, S. 405)
Mai 1979
17. Mai
Heiner Carows Gegenwartsfilm BIS DASS DER TOD EUCH SCHEIDET feiert Premiere. Das herausfordernde Drama über Alkoholismus beleuchtet in extremer Weise das Spannungsfeld zwischen Emanzipation und traditionellem Familienbild, das von zerplatzten Träumen bis hin zu tiefer Feindschaft und Hass innerhalb einer Ehe reicht. Als Grundlage dient ein Szenarium von Günther Rücker, um dessen Realisierung er jahrelang kämpft. Der Stoff beruht auf einem realen Gerichtsfall, der in der Bevölkerung bereits im Vorfeld kontrovers diskutiert wird – insbesondere die Frage nach der Schuld der Beteiligten. Mit diesem Werk gibt Katrin Sass ihr Debüt in einer Hauptrolle. Der Film entwickelt sich zu einem großen Publikumserfolg.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1978, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 17; Film und Fernsehen, 5/1979, S. 9-11, 11/1979, S. 8-11; Filmspiegel, 12/1979, S. 12; Aus Theorie und Praxis des Films, 4/1980, S. 47-58, Aus Theorie und Praxis des Films, Studienmaterial, 9/1981, Teil 2, S. 223-247; FWB, 1/1980, S. 136-138; Klaus Wischnewski: Träumer und gewöhnliche Leute 1966 bis 1979. In: Das zweite Leben der Filmstadt Babelsberg. Potsdam 1994, S. 260; Ralf Schenk: Eine kleine Geschichte der DEFA. Daten, Dokumente, Erinnerungen. DEFA-Stiftung 2006, S. 205; Günter Rücker/Heinz Carow/Katrin Sass: Bis daß der Tod euch scheidet. In: Ingrid Poss, Peter Warnecke (Hg): Die Spur der Filme, Zeitzeugen über die DEFA, Ch. Links Verlag, Berlin 2. Auflage 2006, S. 333-336)
22. Mai
Der Schriftsteller Stefan Heym wird aufgrund angeblicher Devisenvergehen verurteilt – ein Urteil, das erst im Januar 1992 offiziell durch das Gericht aufgehoben wird. Der offizielle Straftatbestand lautet, dass Heym seinen Roman „Collin“, eine kritische Aufarbeitung der Kulturpolitik der DDR in den 1950er-Jahren, ohne die erforderliche Zustimmung des Büros für Urheberrechte in der Bundesrepublik veröffentlicht. Kenner der damaligen politischen Verhältnisse bewerten diese Anklage als Vorwand, da eine Genehmigung für die Publikation im Westen von staatlicher Seite ohnehin nie erteilt worden wäre. Unter diesem Eindruck verfassen die Schriftsteller Kurt Bartsch, Jurek Becker, Adolf Endler, Erich Loest, Klaus Poche, Klaus Schlesinger, Dieter Schubert und Martin Stade einen offenen Brief an den Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker:
„Sehr geehrter Herr Staatsratsvorsitzender, mit wachsender Sorge verfolgen wir die Entwicklung unserer Kulturpolitik. Immer häufiger wird versucht, engagierte, kritische Schriftsteller zu diffamieren, mundtot zu machen, oder, wie unseren Kollegen Stefan Heym, strafrechtlich zu verfolgen. Der öffentliche Meinungsstreit findet nicht statt. Durch die Kopplung von Zensur und Strafgesetzen soll das Erscheinen kritischer Werke verhindert werden. Wir sind der Auffassung, dass der Sozialismus sich vor aller Öffentlichkeit vollzieht; er ist keine geheime Verschlusssache. Über seine Erfolge und Niederlagen, d.h. über unsere Erfahrungen zu schreiben, halten wir für unsere Pflicht und unser Recht. Wir sind gegen die willkürliche Anwendung von Gesetzen; Probleme unserer Kulturpolitik sind mit Strafverfahren nicht zu lösen. Und wenn ein Schriftsteller sich öffentlich die Frage gefallen lassen muss (siehe Sonntag 19/79), warum er eigentlich noch in der DDR bleiben wolle, halten wir das für einen unerträglichen Zustand. Wir bitten Sie, sich unserer Sorge anzunehmen.“
Da eine Antwort von Erich Honecker ausbleibt und die Nachrichtenagentur ADN den Brief innerhalb einer Woche nicht veröffentlicht, leiten die Autoren das Schreiben an die westlichen Medien weiter.
(ND, 23. Mai 1979, S. 8; Stefan Heym - Ein deutsches Literatenleben , Der Spiegel, 16. Dezember 2001)
31. Mai
Die Premiere des DEFA-Spielfilms EIN APRIL HAT 30 TAGE unter der Regie von Gunther Scholz findet statt. Das handwerklich sorgfältig inszenierte Regiedebüt gehört zu den wenigen DEFA-Spielfilmen, die sich mit dem Thema Flucht und Vertreibung auseinandersetzen. Scholz porträtiert darin die leidenschaftliche und ehrliche, jedoch nicht von Dauer geprägte Beziehung zwischen einer deutschen Frau und einem lateinamerikanischen Emigranten.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1977, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 17; Film und Fernsehen, 6/1979, S. 27; Filmspiegel, 13/1979, S. 10; FWB, 1/1980, S. 134-136; Aus Theorie und Praxis des Films, Studienmaterial, 9/1981,Teil 2, S. 248-254; Klaus Wischnewski: Träumer und gewöhnliche Leute 1966 bis 1979. In: Das zweite Leben der Filmstadt Babelsberg. Potsdam 1994, S. 259)
Juni 1979
6. Juni
Der im Binnenschiffer-Milieu spielende DEFA-Spielfilm FEUER UNTER DECK (R: Herrmann Zschoche) wird erstmalig im Fernsehen der DDR ausgestrahlt – jedoch nur zu später Stunde. Damit gilt die Produktion offiziell als „nicht verboten“, obwohl dem Werk die ursprünglich geplante Kinopremiere und eine reguläre Kinoauswertung verweigert werden. Die Uraufführung des Films mit Renate Krößner in einer Hauptrolle wird 1977 kurzfristig gestoppt. Grund dafür ist der Weggang des männlichen Hauptdarstellers Manfred Krug in den Westen.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1977, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 17; Filmspiegel, 21/1976, S. 4-5; Treffpunkt Kino, 12/1976, S. 20-22; Herrmann Zschoche: Feuer unter Deck. In: Ingrid Poss, Peter Warnecke (Hg): Die Spur der Filme, Zeitzeugen über die DEFA, Ch. Links Verlag, Berlin 2. Auflage 2006, S. 337f)
7. Juni
Auf einer Mitgliederversammlung des Berliner Bezirksverbandes werden Stefan Heym, Karl-Heinz Jakobs, Klaus Poche, Klaus Schlesinger, Rolf Schneider, Kurt Bartsch, Adolf Endler, Dieter Schubert und Joachim Seypel aus dem Schriftstellerverband der DDR (DSV) ausgeschlossen. Unter dem Vorsitz von Hermann Kant wird der Beschluss mit der „Missachtung der Statuten“ und der „Teilnahme an antikommunistischer Hetze“ begründet. Tatsächlich sanktioniert die Verbandsführung damit die nicht genehmigten Publikationen der Autoren in der Bundesrepublik sowie deren „Offenen Brief“ an Erich Honecker. Rund 80 Prozent der 400 anwesenden Stimmberechtigten votieren für den Ausschluss; zu den wenigen Gegenstimmen gehören jene von Christa Wolf und Günter de Bruyn. Da die Verbandsmitgliedschaft in der DDR faktisch die Voraussetzung für eine legale Publikation ist, kommt diese Maßnahme einem Berufsverbot gleich. Jurek Becker und Martin Stade waren bereits zuvor aus Protest aus dem Verband ausgetreten. Die Repressionswelle zeigt weitreichende Folgen: Während Erich Loest seinem Ausschluss im Leipziger Bezirksverband durch einen späteren Austritt und die Ausreise 1980 zuvorkommt, verlassen zahlreiche andere Betroffene – darunter der „Beschreibung eines Sommers“-Autor Karl-Heinz Jakobs – das Land. Für die Filmkunst der DDR bedeutet dieser Bruch eine nachhaltige Zäsur, da das rigide Vorgehen der Staatsmacht die Selbstzensur unter den verbliebenen Autoren massiv verschärft.
(ND, 9. Juni 1979, S. 4; Dagmar Schittly: Zwischen Regie und Regime. Die Filmpolitik der SED im Spiegel der DEFA-Produktionen. Ch. Links Verlag 2002, S. 205)
11. Juni
Wolfgang Klaue, Direktor des Staatlichen Filmarchivs der DDR, wird auf dem Jahreskongress der Internationalen Föderation der Filmarchive (FIAF) in Lausanne zum Präsidenten der Vereinigung gewählt. Er tritt damit die Nachfolge von Vladimir Pogačić an, dem Direktor des jugoslawischen Filmarchivs. Die FIAF repräsentiert zu diesem Zeitpunkt 62 Mitglieder und Beobachter aus über 50 Ländern. Er übt diese Funktion bis 1985 aus, danach wird er Vizepräsident.
(ND, 12. Juni 1979, S. 4; Filmspiegel, 13/1979, S. 3; Dokumentation 20 Jahre:1967-1987, V. Kongress der VFF, S. 79)
21. – 24. Juni
Auf der Generalversammlung der Internationalen Föderation der Filmklubs (FICC) in Marly-le-Roi bei Paris legt Prof. Dr. Kurt Maetzig, DEFA-Regisseur und seit 1973 Vizepräsident des Verbandes, sein Amt nieder. Als neuer Präsident wird der französische Filmemacher François Truffaut gewählt. In Würdigung seiner maßgeblichen Verdienste um die Wiederbelebung der FICC ernennen die Delegierten Maetzig zum Ehrenpräsidenten auf Lebenszeit. Im Zuge der personellen Neuordnung übernimmt Erika Richter die Funktion der Regionalsekretärin für Osteuropa.
(ND, 30. Juni 1979, S. 4; Filmspiegel, 15/1979, S. 2; Wieland Becker & Volker Petzold: Tarkowski trifft King Kong. Geschichte der Filmklubbewegung in der DDR. Vistas Verlag. Berlin 2001, S. 343)
22. Juni
Im Haus des Zentralkomitees der SED findet eine wegweisende Beratung Erich Honeckers mit führenden Vertretern des kulturellen Lebens statt. Teilnehmende sind das Präsidium des Kulturbundes sowie die Präsidenten der Künstlerverbände und der Akademie der Künste der DDR. Während Honecker in seinem Referat betont, die Kulturpolitik der Partei werde „erfolgreich verwirklicht“, spricht Konrad Wolf über das Thema „Kein Sozialismus ohne Antifaschismus“. Das „Neue Deutschland“ (ND) widmet der Zusammenkunft eine ganzseitige Berichterstattung auf Seite 1 unter der Schlagzeile: „Unverbrüchliches Bündnis zwischen der Partei und den Kulturschaffenden“. Hinter der Demonstration von Geschlossenheit steht das Ziel der Staatsmacht, das durch die Biermann-Ausbürgerung und die anschließenden Proteste zerrüttete Vertrauensverhältnis zwischen Partei und Künstlern mühsam wiederherzustellen.
(Sonntag, 26/1979, S. 3-5, 27/1979, S. 2-3, 4-5; ND, 23. Juni 1979, S. 1, 5-6; Dagmar Schittly: Zwischen Regie und Regime. Die Filmpolitik der SED im Spiegel der DEFA-Produktionen. Ch. Links Verlag 2002, S. 206)
28. Juni
Die DEFA-Komödie EINFACH BLUMEN AUFS DACH feiert Premiere. Unter der Regie von Roland Oehme rückt ein ungewöhnlicher Hauptdarsteller ins Zentrum: eine betagte Luxuslimousine der Marke „Tschaika“. Eine vierköpfige Familie erwirbt das Fahrzeug als vermeintliches Schrottauto – doch da der Wagentyp eigentlich der Staatsführung vorbehalten ist, sorgt der Wagen im Straßenbild für massive Verwechslungen und Privilegien-Missverständnisse. Das Drehbuch des erfahrenen Lustspielautors Rudi Strahl liegt bereits seit 1975 fertig vor. Bis zur Realisierung erfährt der Stoff jedoch deutliche Eingriffe: Die ursprüngliche Sozialkritik an Hierarchien wird systematisch entschärft. Der Fokus verschiebt sich von der Privilegienkritik hin zur komödiantischen „Amtsanmaßung“ des kleinen Mannes. Trotz dieser ideologischen Glättungen entsteht ein Publikumserfolg, den die DDR-Filmkritik 1979 als beste Komödie des Jahres ehrt.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1979, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 19; Film und Fernsehen, 7/1979, S. 34-35; Aus Theorie und Praxis des Films, 4/1980, S. 79-88, Aus Theorie und Praxis des Films, Studienmaterial, 9/1981,Teil 2, S. 255-260; FWB, 1/1980, S. 143-144; Klaus Wischnewski: Träumer und gewöhnliche Leute 1966 bis 1979. In: Das zweite Leben der Filmstadt Babelsberg. Potsdam 1994, S. 257ff; F.-B. Habel: Das große Lexikon der Spielfilme, Neuausgabe in zwei Bänden, Schwarzkopf & Schwarzkopf 2017, S. 195f)
September 1979
7. September
Der DEFA-Dokumentarfilm REPARATURBRIGADE ZEMENTWERK unter der Regie von Werner Kohlert kommt in die Kinos. Basierend auf einem Drehbuch von Rolf Richter inszeniert Kohlert das Zementwerk als einen fremdartigen, bedrohlichen sowie von Staub und Lärm erfüllten Korpus. Menschen treten in der Darstellung zunächst in den Hintergrund; die gigantischen Industrieanlagen wirken wie ein feindliches Element. Die Fragen, welche das Filmteam den Arbeitern während der Reparaturarbeiten stellt, thematisieren dabei gezielt die Belastungen durch Lärm und Staub sowie Aspekte des Arbeitsalltags, des Verdienstes und des Familienlebens. Werner Kohlert und Rolf Richter zählen damit zu jenen Dokumentaristen, die Umweltprobleme aktiv in den Fokus ihrer Arbeit rücken.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1978, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 45; Eduard Schreiber: Zeit der verpassten Möglichkeiten. In: Schwarzweiß und Farbe, DEFA-Dokumentarfilme 1946-92. Filmmuseum Potsdam 1996, S. 167)
19. September
Die Premiere des DEFA-Spielfilms LACHTAUBEN WEINEN NICHT unter der Regie von Ralf Kirsten findet statt. Der konfliktreiche Film schildert die Auseinandersetzung einer Stahlschmelzerbrigade mit ihrer Betriebsleitung und thematisiert dabei grundlegende Fragen nach Rechten, Demokratie und Mitbestimmung im Arbeitsalltag.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1979, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 24; Film und Fernsehen, 9/1979, S. 3-8, 11/1979, S. 33-34; Filmspiegel, 6/1980, S. 10-11; Aus Theorie und Praxis des Films, 4/1980, S. 35-36, Aus Theorie und Praxis des Films, Studienmaterial, 9/1981,Teil 2, S. 273-284; FWB, 1/1980, S. 147-149; Filmklub-Mitteilungen, 6/1979, S. 4-6; Klaus Wischnewski: Träumer und gewöhnliche Leute 1966 bis 1979. In: Das zweite Leben der Filmstadt Babelsberg. Potsdam 1994, S. 259f)
Oktober 1979
1. Oktober
Die Nationalpreise für Kunst und Literatur des Jahres 1979 werden vergeben:
- I. Klasse: An den Regisseur und Präsidenten der Akademie der Künste der DDR Konrad Wolf.
- II. Klasse: An ein Kollektiv von Filmschaffenden auf dem Gebiet des Kinder- und Jugendfilms im DEFA-Studio für Spielfilme: Werner Beck, Gudrun Deubener, Christa Kożik, Rolf Losansky, Günter Mehnert und Herrmann Zschoche.
- II. Klasse: An ein Kollektiv von Regisseuren des DEFA-Studios für Dokumentarfilme um Wolfgang Bartsch, Jürgen Böttcher, Joachim Hadaschik, Joachim Hellwig, Harry Hornig und Rolf Schnabel.
(ND, 2. Oktober 1979, S. 4; Sonntag, 14. Oktober 1979)
10. Oktober
Der Lyriker und Schriftsteller Günter Kunert verlässt mit einem mehrjährigen Visum die DDR, wobei er seinen DDR-Pass behält. Für die DEFA und das Fernsehen der DDR verfasst er zahlreiche Drehbücher – das Spektrum reicht von satirischen Kurzfilmen der Reihe DAS STACHELTIER über Kriminalfilme bis hin zu modernen, experimentellen Filmopern in Zusammenarbeit mit dem Komponisten Kurt Schwaen, wie etwa VOM KÖNIG MIDAS (R: Günter Stahnke, 1963). Bereits in den 1960er-Jahren entstehen unter Stahnkes Regie gesellschaftskritische Werke wie FETZERS FLUCHT (1962) und MONOLOG FÜR EINEN TAXIFAHRER, die nach einmaliger Ausstrahlung oder gänzlich verboten werden. Filmminister Hans Rodenberg untersagt daraufhin jede weitere Zusammenarbeit zwischen Kunert und Stahnke. In der Folge verschwindet auch ihr gemeinsamer Filmentwurf nach Mark Twains „Ein Yankee an König Artus’ Hof“, eine Musicalversion, unrealisiert in den Schubladen der DEFA-Dramaturgie. Einen Höhepunkt in Kunerts Schaffen für die DEFA markieren die Filme ABSCHIED (1968) unter der Regie von Egon Günther und BEETHOVEN – TAGE AUS EINEM LEBEN (1976) in der Regie von Horst Seemann; in beiden Werken stellt er einen starken Gegenwartsbezug her. Bereits ab 1971 arbeitet er parallel in der Bundesrepublik, unter anderem für Fernsehfilme von Bernhard Wicki, Jürgen Klauß und Rolf von Sydow.
Kunert gehört zu den Erstunterzeichnern des offenen Briefes gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns. Auf der Parteiversammlung im Jahr 1976, die seinen Ausschluss aus der SED beschließt, verweist er auf ein Schlüsselerlebnis aus dem Jahr 1970, das ihm die Illusionen über den Einfluss von Künstlern auf die Kulturpolitik nahm. Ein Funktionär erklärte ihm damals außerhalb des Protokolls: „Biermann kann die DDR nicht kaputtmachen, auch Stefan Heym kann die DDR nicht kaputtmachen und auch Kunert nicht. Aber die DDR kann Kunert kaputtmachen.“ 1982 resümiert er seine Beteiligung am Protest gegen die Biermann-Ausbürgerung als einen Akt zur Rettung der eigenen Integrität: Es sei keine geplante Zivilcourage gewesen, sondern die Angst, mit einer Unterwerfung das eigene „seelische Todesurteil“ zu unterzeichnen. Er beobachtet bei Kollegen, wie heuchlerische Selbstkritik zum Verlust der Kreativität führt: „Sich seinem besseren Wissen und Fühlen zu widersetzen, gleicht einem psychischen Harakiri.“ Die Ursachen für seinen Weggang und den anderer Künstler beschreibt er drei Jahre später als Folge von „Intellektuellenhass und Leugnung kritischen Denkens“. Er vergleicht die Situation mit dem Märchen von des Kaisers neuen Kleidern: Da der nackte König die Fiktion seiner Pracht nur durch Zwang aufrechterhalten könne, müssten jene „Kinder“, welche die Wahrheit aussprechen, aus dem Königreich entfernt werden. Er sieht sich schließlich selbst als jemanden, der „mit gutem Grund verjagt“ wurde. Kunert lässt sich in Kaisborstel bei Itzehoe nieder, wo er bis zu seinem Tod als freier Schriftsteller lebt.
(Günter Kunert: Zivilcourage. Drei autobiographische Berichte. 13. September 1982. In: Sinn und Form 5/2023, S. 581-593; Günter Agde (Hrsg): Kunerts Kino. Alle Texte Günter Kunerts für und über Kino. Edition Schwarzdruck 2023. S. 295; Ralf Schenk: Günter Kunert (6.3.1929-21.9.2019). Nachruf. In: Filmdienst, 24. September 2019)
Dezember 1979
14. Dezember
Der Dokumentarfilmregisseur und langjährige Präsident des VFF der DDR, Andrew Thorndike, stirbt im Alter von 69 Jahren in Berlin. Als einer der profiliertesten Dokumentaristen der DDR gilt er als brillanter Analytiker, ist international anerkannt und wird mit zahlreichen hohen staatlichen Auszeichnungen geehrt. Der 1909 Geborene dreht ab 1940 Lehrfilme für das Oberkommando der Kriegsmarine und des Heeres. Während des Krieges als Sanitätsgefreiter eingezogen, gerät er 1945 in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Dort wird er Mitglied des Nationalkomitees Freies Deutschland, wirkt später als Assistent an der Zentralen Antifa-Schule Krasnogorsk und als Redaktionsassistent der „Nachrichten für deutsche Kriegsgefangene in der Sowjetunion“.
Ab 1949 arbeitet er als Regisseur im DEFA-Studio für Dokumentarfilme. Sein Markenzeichen wird die künstlerisch anspruchsvolle Montage von historischen Dokumenten mit aktuellen Aufnahmen, insbesondere in der Reihe „Archive sagen aus“. Gemeinsam mit seiner Frau Annelie Thorndike produziert er überwiegend Filme mit historisch-politischer Thematik. Viele dieser Werke sind von einem agitatorischen Gestus geprägt, wobei die sozialistische Gesellschaft stets als das dem Kapitalismus moralisch überlegene System dargestellt wird. Besonders bekannt werden DU UND MANCHER KAMERAD (1956), URLAUB AUF SYLT (1957), UNTERNEHMEN TEUTONENSCHWERT (1958) sowie das 1963 fertiggestellte Großprojekt DAS RUSSISCHE WUNDER, ein sinfonisch gestalteter Lobpreis der sowjetischen Geschichte seit der Oktoberrevolution. Ereignisse, die nicht in die vorgegebene These passen, finden dabei keine Erwähnung. Die Filme Thorndikes prägen das Geschichtsbewusstsein von Millionen Zuschauern in den ersten Jahrzehnten der DDR maßgeblich.
(ND, 17. Dezember 1979, S. 1; Dokumentation „Andrew Thorndike“ Potsdam-Babelsberg 1980; Filmspiegel, 1/1980, S. 2; Dokumentaristen der Welt, Berlin, 1982, S. 101-113; Renate Biehl: Regisseurinnen und Regisseure der DEFA in: Schwarzweiß und Farbe, DEFA-Dokumentarfilme 1946-92. Filmmuseum Potsdam 1996, S. 431f; Volker Baer: Ein Nachlass der DDR. Annelie und Andrew Thorndike . Filmdienst 12/2002; Ralf Schenk: Eine kleine Geschichte der DEFA. Daten, Dokumente, Erinnerungen. DEFA-Stiftung 2006, S. 205; Annelie und Andrew Thorndike: „Einige Bemerkungen zur Lage der DEFA“ vom 2. Dezember 1965, BArch Berlin. SAPMO, DY 30/J IV 2/2 J/1560 n.pag. In: Andreas Kötzing/Ralf Schenk [Hrsg]: Verbotene Utopie. Die SED, die DEFA und das 11. Plenum. DEFA-Stiftung Berlin 2015, S. 443-462)