DEFA-Chronik für das Jahr 1978
Unter dem Titel ICH WAR ERNST REINHARDT stellt Eduard Schreiber eine DEFA-Auftragsproduktion für das DDR-Fernsehen fertig. Das Porträt widmet sich dem dogmatischen Kulturpolitiker und Journalisten Alexander Abusch, dessen Deckname im Exil „Ernst Reinhardt“ lautete. In den Interviews zeigt sich Abusch überraschend nahbar; er spricht offen über seinen Werdegang und seine jüdische Identität als einer der wenigen Holocaust-Überlebenden seiner Familie. Lediglich kritische Fragen zur Politik der 1950er-Jahre bringen ihn spürbar in Bedrängnis. Die Zensur greift jedoch massiv ein: Alle von der offiziellen Parteilinie abweichenden Passagen müssen während der Montage entfernt werden und gelten heute als verschollen. Der Film bleibt fünf Jahre unter Verschluss. Erst nach Abuschs Tod 1982 wird eine durch weitere Kürzungen entstellte Fassung als Nachruf im Fernsehen der DDR ausgestrahlt.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1978, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 51f; Eduard Schreiber: Zeit der verpassten Möglichkeiten. In: Schwarzweiß und Farbe, DEFA-Dokumentarfilme 1946-92. Filmmuseum Potsdam 1996, S. 172)
Januar 1978
1. Januar
Der VEB DEFA-Außenhandel begeht sein 25-jähriges Bestehen. In einer Bilanz unterstreicht Generaldirektor Helmut Diller die zentrale Rolle des Unternehmens: Der DEFA-Außenhandel hält die Weltvertriebsrechte für sämtliche Eigenproduktionen der DEFA. Bisher wurden Exportverträge mit Partnern in rund 80 Ländern geschlossen; seit 1949 konnten insgesamt circa 8.000 Lizenzen vergeben werden. Die internationale Präsenz der DDR-Filmproduktion manifestiert sich zudem in der Teilnahme an über 400 Filmfestivals, auf denen 170 Preise gewonnen wurden. Darüber hinaus stießen rund 90 organisierte Filmwochen auf eine breite Resonanz beim internationalen Publikum.
(Filmspiegel, 21/1977, S. 3, 2/1978, S. 3; Günter Jordan: Film in der DDR, Daten - Fakten - Strukturen , Filmmuseum Potsdam, 2. überarbeitete Fassung 2013, S. 224)
2. Januar
Mit ihrem Dokumentarfilm WOLTERS TRUDE legt die HFF-Regiestudentin Gabriele Denecke das Porträt einer 72-jährigen Frau vor. Der Film ist als Essay über Glück, Alter, Einsamkeit und das Leben angelegt. Auf dem II. Nationalen Festival für Dokumentar- und Kurzfilm der DDR 1979 in Neubrandenburg erfährt das Werk große Anerkennung: Rolf Richter, einer der profiliertesten Förderer des filmischen Nachwuchses in der DDR, lobt die Arbeit der jungen Regisseurin ausdrücklich.
(Eduard Schreiber: Zeit der verpassten Möglichkeiten. In: Schwarzweiß und Farbe, DEFA-Dokumentarfilme 1946-92. Filmmuseum Potsdam 1996, S. 170)
4. Januar
Erstmalig wird der von Gitta Nickel bei der DEFA für das DDR-Fernsehen produzierte Dokumentarfilm JUNG SEIN – UND WAS NOCH? ausgestrahlt. In den Interviews äußern junge Arbeiter einer Schiffbaubrigade eine Form der Gesellschaftskritik, die in der Öffentlichkeit bis dahin kaum präsent ist: Sie thematisieren den gravierenden Wohnungsmangel, einen baufälligen Jugendklub sowie eine unzureichende soziale Infrastruktur, bei der auf 84.000 Einwohner lediglich ein Kino und eine Gaststätte kommen. Das bereits 1977 in Leipzig mit einer Goldenen Taube prämierte Werk bricht damit bestehende Tabus der Berichterstattung.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1977, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 54; Eduard Schreiber: Zeit der verpassten Möglichkeiten. In: Schwarzweiß und Farbe, DEFA-Dokumentarfilme 1946-92. Filmmuseum Potsdam 1996, S. 166)
9. – 29. Januar
Das unabhängige Westberliner Studiokino BALI präsentiert unter dem Titel „Alle Filme!“ eine umfassende Werkschau des Dokumentarfilm-Teams Heynowski & Scheumann sowie des Kameramanns Peter Hellmich.
(Filmspiegel, 3/1978, S. 23)
20. Januar
Basierend auf der Romanvorlage von Georg Weerth kommt der Zeichentrickfilm LEBEN UND THATEN DES BERÜHMTEN RITTERS SCHNAPPHAHNSKI unter der Regie von Günter Rätz in die Kinos. Der Film porträtiert einen preußisch-schlesischen Junker, der – den Frauen sehr zugetan – als Verleumder, Fälscher und Landsknecht agiert, bis er schließlich ruiniert auf den Resten seines Besitzes verharrt. Die Entdeckung einer wohlhabenden alten Herzogin ermöglicht es ihm, durch seine Liebesdienste erneut zu Reichtum und gesellschaftlichem Ansehen zu gelangen. In ihrer Rückschau bewertet die Dramaturgin und Regisseurin Marion Rasche das Werk als „unerreicht in der künstlerischen Qualität“. Für diese Leistung erhält das Filmteam 1978 den Heinrich-Greif-Preis.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1977, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 90; Marion Rasche: Der Mann in der Flasche. In: Die Trickfabrik.DEFA-Animationsfilme 1955-1990. Hrsg. Ralf Schenk und Sabine Scholze, Dresden/Berlin 2003, S. 130)
März 1978
6. März
Im DEFA-Studio für Spielfilme findet die Neukonstituierung des Künstlerischen Rates statt. Den Vorsitz übernimmt der Regisseur Ralf Kirsten, während der Dramaturgin Dr. Erika Richter das Amt der Sekretärin übertragen wird.
(DEFA-Blende, 6/1978)
6. März
In Berlin tritt der Rat von „Interfilmform“ – die Vereinigung von Vertretern sozialistischer Kinematographien sowie Experten aus Wissenschaft und Technik – zu seiner V. Tagung zusammen. Im Zentrum der Beratungen steht die Auswertung erster Erfahrungen beim Austausch von Filmansichtskopien. Zudem erörtern die Teilnehmer den Informationsfluss bezüglich der thematischen Planung künftiger Filmproduktionen im Bereich der Wissenschaft.
(Filmspiegel, 6/1978, S. 3)
7. März
Hans Rodenberg verstirbt im 83. Lebensjahr. Der 1895 als Sohn eines jüdischen Zigarrenmachers geborene Hans Rosenberg (Künstlername ab 1921: Rodenberg) blickt auf eine wechselvolle Karriere als Schauspieler, Regisseur und Kulturpolitiker zurück. Nach künstlerischen Stationen ab 1912 und dem Exil in der Sowjetunion – wo er unter anderem bei Meshrabpom und Mosfilm wirkt – kehrt er 1948 nach Deutschland zurück. In der DDR bekleidet er einflussreiche Positionen: Von 1952 bis 1956 fungiert er als Hauptdirektor des DEFA-Studios für Spielfilme, anschließend wirkt er als Dekan an der Deutschen Hochschule für Filmkunst in Potsdam-Babelsberg. Zwischen 1960 und 1963 leitet er als Stellvertreter des Ministers für Kultur das Filmwesen der DDR und gehört von 1960 bis 1976 dem Staatsrat an.
Rodenbergs politischer Weg ist eng mit seinen Erfahrungen an der Ostfront des Ersten Weltkriegs verknüpft, wo die Verbrüderung mit russischen Soldaten und die Arbeit im Arbeiter- und Soldatenrat sein lebenslanges Engagement in der kommunistischen Bewegung begründen. Aufgrund seiner politischen Gesinnung und seiner jüdischen Herkunft führt ihn die Gestapo ab 1941 auf der „Sonderfahndungsliste UdSSR“.
(ND, 8. März 1978, S. 2; Film und Fernsehen, 8/1978, S. 2; Hans Rodenberg – Protokoll eines Lebens, Erinnerung und Bekenntnis. (Auf der Grundlage von Tonbandprotokollen bearbeitet und herausgegeben von Rolf Richter), Berlin, 1980)
10. März
Die Heinrich-Greif-Preise des Jahres 1978 werden verliehen:
- I. Klasse: An das Schöpferkollektiv des DEFA-Films DIE FLUCHT um Regisseur Roland Gräf und Autor Hannes Hüttner.
- II. Klasse: An das Schöpferkollektiv des Zeichentrickfilms LEBEN UND THATEN DES BERÜHMTEN RITTERS SCHNAPPHAHNSKI um Regisseur Günter Rätz, Grafiker Gerd Mackensen und Kameramann Helmut May
- II. Klasse: An den Regisseur Rainer Bär und den Dramaturgen Manfred Dorschan für die Entwicklung publikumswirksamer Filme und die Gestaltung von Gegenwartsdramatik in der Fernsehkunst.
- III. Klasse: An den Fernsehjournalisten Erwin Burkert für seine fernsehpublizistischen Leistungen.
- III. Klasse: An das Schöpferkollektiv der Heinrich-Greif-Filme des DDR-Fernsehens um Regisseur Ulrich Kasten, Autor Fred Gehler und Schnittmeisterin Imke Gerber.
(ND, 11. März 1978, S. 4)
10. März
Mit BRANDSTELLEN bringt die DEFA unter der Regie von Horst E. Brandt einen agitatorischen Spielfilm nach der gleichnamigen Romanvorlage von Franz Josef Degenhardt in die Kinos. Das Werk markiert die erste Auseinandersetzung der DEFA mit dem westdeutschen Terrorismus, wobei die filmische Lösung der offiziellen DDR-Ideologie folgt: Nicht die RAF, sondern allein die Mitglieder der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) werden als Kraft dargestellt, die zu einer positiven Veränderung der bundesrepublikanischen Gesellschaft fähig ist.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1977, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 16; Filmspiegel 23/1977, S. 14f; Film und Fernsehen, 4/1978, S. 22-23; FWB, 1/1979, S. 108-109; Aus Theorie und Praxis des Films, Studienmaterial, 8/1981,Teil 1, S. 123-131; Ralf Schenk: Eine kleine Geschichte der DEFA. Daten, Dokumente, Erinnerungen. DEFA-Stiftung 2006, S. 202)
17. März
Volker Koepps Dokumentarfilm HÜTES-FILM startet in den Kinos der DDR. Das Werk fängt die Landschaft sowie die Lebensart der thüringischen Rhön und des Henneberger Landes ein, wobei die Kamera zwei betagte Schwestern bei der traditionellen Zubereitung von „Hütes“, den regionaltypischen Kartoffelklößen, begleitet. Für seine einfühlsame Beobachtung erhält der Film am 29. April 1978 den Hauptpreis der Westdeutschen Kurzfilmtage in Oberhausen.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1977, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 43 ;Film und Fernsehen, 5/1978, S. 16-17; Filmspiegel, 24/1977, S. 15; Ralf Schenk: Eine kleine Geschichte der DEFA. Daten, Dokumente, Erinnerungen. DEFA-Stiftung 2006, S. 195)
23. März
In Berlin konstituiert sich der Rat für Film, Fernsehen und sonstige audiovisuelle Kommunikationsmedien der DDR (Kurzbezeichnung: Film- und Fernsehrat DDR; FFR). Das Präsidium setzt sich aus führenden Funktionären der Medienlandschaft zusammen: Präsident wird Prof. Dr. Albert Wilkening, während Rudolf Hannemann das Amt des Generalsekretärs übernimmt. Weitere Präsidiumsmitglieder sind Heinz Adameck (Vorsitzender des Staatlichen Komitees für Fernsehen), Horst Pehnert (Leiter der HV Film) und Andrew Thorndike (Präsident des VFF der DDR).
Als Körperschaft und Dachorganisation dient der FFR der politisch-fachlichen Koordinierung der Mitarbeit in nichtstaatlichen Film- und Fernsehorganisationen und berät das Sekretariat Internationale Filmorganisationen. Der Rat tritt dem Internationalen Film- und Fernsehrat (CICT) bei. Die staatliche Anleitung und Kontrolle unterliegen der HV Film sowie der Abteilung UNESCO des Ministeriums für Kultur.
(ND, 25. März 1978, S. 2; Filmspiegel, 6/1978, S. 3, 8/1978, S. 2; Bulletin der Internationalen Leipziger Dokumentar- und Kurzfilmwochen, 3/1977; Michael Grisko: Albert Wilkening- Der Gentleman der DEFA. Peter Lang GmbH, Internationaler Verlag der Wissenschaften, Neuausgabe 2011, S. 57-65, 228; Günter Jordan: Film in der DDR, Daten - Fakten - Strukturen, Filmmuseum Potsdam, 2. überarbeitete Fassung 2013, S. 424)
April 1978
In Tokio findet eine DDR-Märchenfilmwoche statt, bei der acht DEFA-Produktionen präsentiert werden. Zum Programm gehören unter anderem FRAU HOLLE (R: Gottfried Kolditz, 1963), KÖNIG DROSSELBART (R: Walter Beck, 1965) sowie SECHSE KOMMEN DURCH DIE WELT (R: Rainer Simon, 1972). Als Veranstalter dieser Filmreihe fungiert der japanische Verleih „Dreamlife“.
(Filmspiegel, 9/1978, S. 2)
10. – 15. April
In Berlin tritt die Generalversammlung des Internationalen Zentrums für Kinder- und Jugendfilm (CIFEJ) zusammen. Im Zuge der Sitzung wird Klaus Richter de Vroe, der Präsident des Nationalen Zentrums der DDR, zum Mitglied des Verwaltungsrats des CIFEJ gewählt.
(Filmspiegel, 9/1978, S. 2-3)
Mai 1978
18. – 25. Mai
In Erfurt, Halle und Leipzig finden die Tage des USA-Films in der DDR statt. Die Eröffnung der Filmreihe erfolgt in Leipzig mit der Vorführung des Klassikers MODERN TIMES von Charlie Chaplin.
(Filmspiegel, 8/1978, S. 10-11; Der Morgen, Berlin, 20/ 21. Mai 1978)
29. – 31. Mai
Auf dem VIII. Schriftstellerkongress der DDR in Berlin wird Hermann Kant zum neuen Präsidenten gewählt. Er tritt die Nachfolge von Anna Seghers an, die aus Altersgründen nicht erneut kandidiert und zur Ehrenpräsidentin ernannt wird. In seinem Referat „Die Verantwortung des Schriftstellers in den Kämpfen unserer Zeit“ wirbt Kant auch um jene Autoren, die im Konflikt mit der aktuellen Kulturpolitik stehen. Er mahnt einen Verbleib im Land an und betont: „Emigrieren kann man, muss man vor dem Feind, mit dem nicht zu leben ist – aber nicht vor dem Freund, mit dem sich gelegentlich nur schwer oder anstrengend auskommen lässt.“
(ND, 30. Mai 1978, S. 1, 3-5; Dagmar Schittly: Zwischen Regie und Regime. Die Filmpolitik der SED im Spiegel der DEFA-Produktionen. Ch. Links Verlag 2002, S. 206)
September 1978
10. September
Orlando Lübbert, der nach dem Putsch in Chile vor der Junta floh, gibt mit dem Spielfilm DER ÜBERGANG sein Regiedebüt bei der DEFA. Das Werk, das die lebensgefährliche Flucht dreier Männer aus Chile thematisiert, wird im Berliner Kino International uraufgeführt. Während der Film in den Kinos der DDR auf verhaltene Resonanz stößt, findet er in Lateinamerika bis heute ein erhebliches Interesse.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1978, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 25; Film und Fernsehen, 9/1978, S. 8-9; Filmspiegel, 20/1978, S. 12; FWB, 1/1979, S. 130-131; Aus Theorie und Praxis des Films, 4/1980, S. 107-117; Aus Theorie und Praxis des Films, Studienmaterial, 8/1981, S. 138-145; Klaus Wischnewski: Träumer und gewöhnliche Leute 1966 bis 1979. In: Das zweite Leben der Filmstadt Babelsberg. Potsdam 1994, S. 259; F.-B. Habel: Das große Lexikon der Spielfilme, Neuausgabe in zwei Bänden, Schwarzkopf & Schwarzkopf 2017, S. 953)
19. September
Im Rahmen der VI. Tage des sozialistischen Films in der DDR wird in Rostock die DEFA-Komödie ANTON DER ZAUBERER unter der Regie von Günter Reisch uraufgeführt. Das Werk, das moralische Gesellschaftsfragen in heiterer Form verhandelt, avanciert bei Publikum und Kritik zu einem großen Erfolg. Die wendereiche Biografie des Protagonisten Anton – ein Organisations- und Beschaffungsgenie zwischen Unternehmertum, Hochstapelei und sozialistischem Alltag – bietet dem Publikum zahlreiche Identifikationsmöglichkeiten. Als Frauenidol und Schieber steht Anton stets mit einem Bein im Gefängnis, was in der Schlussszene seines Begräbnisses mit dem bezeichnenden Satz „Er war einer von uns“ kulminiert. Für seine darstellerische Leistung wird Ulrich Thein auf dem Internationalen Filmfestival Moskau als bester Schauspieler ausgezeichnet.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1977, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 15; Film und Fernsehen, 9/1978, S. 7-8, 3/1979, S. 44; Filmspiegel, 17/1978, S. 4-5; 22/1978, S. 12; FWB, 1/1979, S. 106-107; Ralf Schenk: Eine kleine Geschichte der DEFA. Daten, Dokumente, Erinnerungen. DEFA-Stiftung 2006, S. 203; Günter Reisch: Anton der Zauberer. In: Ingrid Poss, Peter Warnecke (Hg): Die Spur der Filme, Zeitzeugen über die DEFA, Ch. Links Verlag, Berlin 2. Auflage 2006 S. 325f; F.-B. Habel: Das große Lexikon der Spielfilme, Neuausgabe in zwei Bänden, Schwarzkopf & Schwarzkopf 2017, S. 51ff)
Oktober 1978
5. Oktober
Der DEFA-Spielfilm SIEBEN SOMMERSPROSSEN unter der Regie von Herrmann Zschoche hat Premiere. Basierend auf einem Szenarium von Christa Koźik erzählt das Werk eine zeitgenössische Romeo-und-Julia-Geschichte über die erste Liebe von Jugendlichen. Der Film avanciert zu einem außergewöhnlichen Publikumserfolg und findet insbesondere bei der jungen Generation eine enorme Resonanz.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1978, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 24; Film und Fernsehen, 10/1978, S. 11; Filmspiegel, 7/1978, S. 24-25, 23/1978, S. 12; FWB, 1/1979, S. 127-129; Aus Theorie und Praxis des Films, 4/1980, S. 59-70, Aus Theorie und Praxis des Films, Studienmaterial, 8/1981, Teil 1, S. 164-178; Klaus Wischnewski: Träumer und gewöhnliche Leute 1966 bis 1979. In: Das zweite Leben der Filmstadt Babelsberg. Potsdam 1994, S. 259)
7. Oktober
Die Nationalpreise für Kunst und Literatur des Jahres 1978 werden verliehen:
- II. Klasse: An Annelie und Andrew Thorndike für den Film DIE ALTE NEUE WELT Alfred Hirschmeier, Szenenbildner; Wolf-Dieter Panse; Christa Vetter - Wischnewski; Herbert Otto, Schriftsteller.
- II. Klasse: An den Szenenbildner Alfred Hirschmeier für seine herausragenden Leistungen.
- II. Klasse: An Manfred Mosblech, Wolf-Dieter Panse und Helmut Schiemann für ihren Beitrag zur Entwicklung der Fernsehdramatik.
(ND, 9. Oktober 1978, S. 4)
9. – 13. Oktober
In Neubrandenburg findet zum ersten Mal das Nationale Festival des Dokumentar- und Kurzfilms der DDR für Kind und Fernsehen statt. Als Vorsitzender des Festivalkomitees fungiert Karl Gass. Das jährlich geplante Arbeitstreffen dient der Förderung, Entwicklung und Verbreitung des sozialistischen Dokumentar- und Kurzfilms in beiden Medienbereichen. Das Festival etabliert sich als feste Institution bis zum Jahr 1990 und firmiert ab 1992 unter dem Namen dokumentART.
(Film und Fernsehen, 12/1978, S. 2; Filmspiegel, 19/1978, S. 12, 23/1978, S. 10-11, 1/1979, S. 46-47; Mitteilungen des VFF, 5/6, 1978, S. 4-54; Festivalbulletin Nr. 1/1978, Neubrandenburg; BFF, 4/1985, S. 66; ND, 19. September 1978; Ralf Schenk: Eine kleine Geschichte der DEFA. Daten, Dokumente, Erinnerungen. DEFA-Stiftung 2006, S. 203; Jeanpaul Goergen: Chronik des deutschen Dokumentarfilms 1945-2005 . 2018, Abruf: 5. Februar 2024)
9. – 15. Oktober
In Magdeburg findet das IV. Internationale CIFEJ-Symposium (Internationales Zentrum für Kinder- und Jugendfilm) zum Thema Kinder-Dokumentarfilm statt. Die Tagung widmet sich dem Schwerpunkt „Der Dokumentarfilm für Kinder – Mittel der gesellschaftlichen Integration und der humanistischen Erziehung“. Als Veranstalter zeichnen der Film- und Fernsehrat sowie das Nationale Zentrum für Kinderfilm und -fernsehen der DDR verantwortlich.
(Film und Fernsehen, 10/1978, S. 4-8; Filmspiegel, 25/1978, S. 23)
11. Oktober
Mit Max Jaap verstirbt im Alter von 76 Jahren ein Weggefährte der ersten Stunde der DEFA. Der gelernte Modegestalter wird aufgrund der nationalsozialistischen Rassegesetze – seine Mutter ist Jüdin – ab 1938 zur Zwangsarbeit bei den IG Farben verpflichtet. Nach einer Sabotageaktion in seiner Werkhalle folgt eine mehrwöchige Inhaftierung. Im Jahr 1943 gelingt es ihm durch die Vermittlung von Heinz Rühmann, als Modegestalter und Aufnahmeleiter bei der Terra-Filmkunst in Babelsberg unterzukommen.
Ab 1946 wirkt Jaap als Aufnahmeleiter und Aufnahmeregisseur bei der DEFA-Wochenschau DER AUGENZEUGE. In seiner anschließenden Laufbahn als Regisseur im DEFA-Studio für Wochenschau und Dokumentarfilme realisiert er bis 1968 über 30 Dokumentarfilme, darunter das mit dem Nationalpreis ausgezeichnete Werk LUDWIG VAN BEETHOVEN (1954). Neben zwei Spielfilminszenierungen für das Fernsehen der DDR widmet er sich in seinem letzten Film GEDANKEN ZUM NOVEMBER (1968) der Aufarbeitung der Judenverfolgung.
(Filmdokumentaristen der DDR, Berlin, 1969, S. 151, 414; Christiane Mückenberger/Günter Jordan: „Sie sehen selbst, Sie hören selbst..“ Die DEFA von ihren Anfängen bis 1949. Marburg, Hitzeroth 1994, S. 203; Renate Biehl: Regisseurinnen und Regisseure der DEFA in: Schwarzweiß und Farbe, DEFA-Dokumentarfilme 1946-92. Filmmuseum Potsdam 1996, S. 406)
November 1978
6. November
Das tiefgründige DEFA-Kammerspiel DAS VERSTECK unter der Regie von Frank Beyer (Szenarium: Jurek Becker) wird erstmals dem Publikum präsentiert. Ernsthaft und zugleich humorvoll verhandelt der Film auf engstem Raum die Konflikte zwischen einer emanzipierten Frau und ihrem geschiedenen Ehemann, dargestellt von Manfred Krug. Die Produktion, die bereits zwischen 1976 und Januar 1977 entsteht, erhält ursprünglich die staatliche Zulassung, die jedoch nach der Ausreise von Manfred Krug aus der DDR wieder entzogen wird.
Die Uraufführung erfolgt nun mit anderthalbjähriger Verspätung unter restriktiven Bedingungen: Der Film startet zunächst lediglich im Berliner Kino COLLOSEUM statt in einem der großen Premierenhäuser. Ein weiterer Einsatz wird ausdrücklich von der Reaktion der Bevölkerung abhängig gemacht. In einer geheimen Weisung an die Leiter der Diensteinheiten ordnet Stasi-Chef Erich Mielke „politisch-operative Maßnahmen“ an. Ziel ist es, Beifallsbekundungen für den Hauptdarsteller Manfred Krug sowie „hetzerische Äußerungen“ gegen die Staatsführung oder „Zusammenrottungen negativ-dekadenter Jugendlicher“ konsequent zu unterbinden. Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) wird angewiesen, die politisch-ideologischen Maßnahmen der Partei zu unterstützen und täglich über die Aufführungen Bericht zu erstatten.
(Filmspiegel, 26/1978, S. 13; Aus Theorie und Praxis des Films, Studienmaterial, 8/1981, Teil 1, S. 178-180; Schreiben Erich Mielkes vom 3.11.1978, BStU, DA/VVS, 73/78. In: Dagmar Schittly: Zwischen Regie und Regime. Die Filmpolitik der SED im Spiegel der DEFA-Produktionen. Ch. Links Verlag 2002, S. 212ff; Klaus Wischnewski: Träumer und gewöhnliche Leute 1966 bis 1979. In: Das zweite Leben der Filmstadt Babelsberg. Potsdam 1994, S. 259)
9. November
Der unter der Regie von Erwin Stranka entstandene DEFA-Spielfilm SABINE WULFF feiert im Berliner Premierenkino „Kosmos“ seine Uraufführung. Das Werk, das auf Heinz Kruschels Roman „Gesucht wird die freundliche Welt“ basiert, erzählt die Geschichte einer unangepassten jungen Frau nach ihrer Entlassung aus dem Jugendwerkhof.
Obwohl die filmische Adaption das Konfliktpotential der literarischen Vorlage spürbar abmildert, entwickelt sich die Darstellung jugendlicher Reibungspunkte mit der Gesellschaft zu einem beachtlichen Publikumserfolg. Maßgeblichen Anteil daran haben neben der authentischen schauspielerischen Leistung von Karin Düwel auch die Soundtracks der Bands „Puhdys“ sowie „Brot und Salz“. In der Folge werden sowohl der Film als auch seine Hauptdarstellerin mit mehreren Preisen gewürdigt.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1978, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 22; Film und Fernsehen, 2/1979, S. 15-16; FWB , 1/1979, S. 123-125; Aus Theorie und Praxis des Films, Studienmaterial, 8/1981,Teil 1, S. 181-192; Klaus Wischnewski: Träumer und gewöhnliche Leute 1966 bis 1979. In: Das zweite Leben der Filmstadt Babelsberg. Potsdam 1994, S. 259; F-B. Habel: Das große Lexikon der Spielfilme, Neuausgabe in zwei Bänden, Schwarzkopf & Schwarzkopf 2017, S. 747ff)
17. November – 9. Dezember
Im schwedischen Filminstitut Stockholm findet eine Filmschau mit 19 Werken unter dem Titel „Heynowski und Scheumann – 12 Jahre politischer Dokumentarfilm“ statt.
(Filmspiegel, 3/1979, S. 14-15)
19. November
Das Fernsehen der DDR strahlt den Film URSULA (R: Egon Günther) aus, die erste Koproduktion mit dem Schweizer Fernsehen nach der Vorlage von Gottfried Keller. Die Ausstrahlung bleibt eine einmalige Angelegenheit, da das Werk sowohl in der Schweiz als auch in der DDR auf massive Ablehnung bei Auftraggebern und Publikum stößt. Als Stein des Anstoßes erweisen sich insbesondere sexuell freizügige Szenen, eine betont naturalistische Bildsprache sowie die polarisierende Darstellung religiöser Themen.
In der Folge dieser Kontroversen tritt Egon Günther – u.a. Regisseur von Filmen wie ABSCHIED, DER DRITTE oder DIE SCHLÜSSEL und Mitunterzeichner der Biermann-Petition von 1976 – aus dem Verband der Film- und Fernsehschaffenden der DDR aus. Er verlegt seinen Lebensmittelpunkt nach München, behält jedoch seinen DDR-Pass sowie seinen Wohnsitz bei Potsdam bei. In der Bundesrepublik setzt er seine Regietätigkeit fort, unter anderem mit dem siebenteiligen Fernsehfilm EXIL nach Lion Feuchtwanger, der im Westen jedoch weitgehend unbekannt bleibt.
(Ich war immer ein Spieler. Egon Günther. [Hrg. Ingrid Poss, Dorett Molitor]. Filmmuseum Potsdam 2013, S. 231ff)
29. November
Das Fernsehen der DDR strahlt zu später Stunde das Drama GESCHLOSSENE GESELLSCHAFT (Regie: Frank Beyer, Drehbuch: Klaus Poche) aus. Eine Pressevorführung, wie sie sonst üblich ist, unterbleibt. Die Programmdirektion des DFF merkt später in ihrem internen Wochenbericht zynisch an, die Programmgestaltung habe hoffentlich dazu beigetragen, dass „dieser Film von möglichst wenig Zuschauern gesehen wurde“. Das Werk thematisiert die Deformierung einer Familie und spiegelt darin den Zustand der Gesellschaft wider. Dass der Film überhaupt realisiert werden kann, ist einer besonderen Konstellation zu verdanken: Hans Bentzien, der reformorientierte Leiter des Bereichs Dramatische Kunst im Fernsehen, bietet Frank Beyer das Projekt an. Zudem signalisiert Werner Lamberz, der als undogmatischer ZK-Verantwortlicher gilt, die Bereitschaft, die Biermann-Petitionäre Beyer, Poche, Jutta Hoffmann und Armin Mueller-Stahl an einem seriösen Projekt arbeiten zu lassen, um Vorwürfen der Ausgrenzung vorzubeugen. So entsteht der Film weitgehend ohne Einmischung durch die Fernsehdirektion. Nach der Fertigstellung hat sich das kulturpolitische Klima jedoch verschärft; neue Akteure bestimmen nun den Kurs. Erst nach monatlichen Diskussionen und erzwungenen Änderungen wird GESCHLOSSENE GESELLSCHAFT ein einziges Mal gesendet. Das Zögern der Verantwortlichen rührt aus dem Bestreben, Beyer und die anderen Unterzeichner nicht endgültig zu verlieren und zugleich zu verhindern, dass Beyer ein noch kritischeres Projekt im Westen verwirklicht.
Für Frank Beyer markiert dies den letzten Film mit Gegenwartsthematik, den er in der DDR realisieren kann. Das Nachfolgeprojekt „Franziska Linkerhand“ – eine Verfilmung des Romans von Brigitte Reimann über eine junge, ungeduldige Architektin – wird von Fernsehkunst-Chef Heinz Adameck unterbunden. Als sich die Künstler an den Verband der Film- und Fernsehschaffenden als ihre Interessenvertretung wenden, bezieht dieser keine Position für die Schöpfer, sondern schließt sich der Linie von Partei und Staat an. Für Beyer bedeutet dieser Vorgang das Ende seines Glaubens an die Reformierbarkeit der DDR sowie das Ende seines kulturpolitischen Engagements innerhalb des Staates.
(Hans Bentzien: Meine Sekretäre und ich. Verlag Neues Leben Berlin 1995. S. 7-42, 297f; Frank Beyer: Wenn der Wind sich dreht. Meine Filme. Mein Leben. Econ Verlag München 2001. S. 214-279; Frank Beyer: Geschlossene Gesellschaft. In: Ingrid Poss, Peter Warnecke (Hrsg): Die Spur der Filme, Zeitzeugen über die DEFA, Ch. Links Verlag, Berlin 2. Auflage 2006 S. 327-329)
Dezember 1978
1. Dezember
Aufgrund „grober politischer Fehler“ wird Hans Bentzien als Bereichsleiter für Dramatische Kunst beim Fernsehen der DDR abgesetzt. Den Ausschlag geben insbesondere die von ihm geförderten Produktionen GESCHLOSSENE GESELLSCHAFT (R: Frank Beyer, 1978) und URSULA (R: Egon Günther, 1978). Bentzien gilt als profilierter Reformer im Kultursektor; bereits 1965 verlor er aus diesem Grund sein Amt als Minister für Kultur. Sein politisches Comeback folgt erst in der Wendezeit 1989: Von der Belegschaft gewählt, löst er Heinz Adameck als Intendant des Fernsehens der DDR ab.
(Thomas Grimm: Hans Bentzien. Zeitzeugen TV Film-& Fernsehproduktion GmbH, 1993; Hans Bentzien: Meine Sekretäre und ich. Verlag Neues Leben Berlin 1995. S. 7-42, 297f; Frank Beyer: Wenn der Wind sich dreht. Meine Filme. Mein Leben. Econ Verlag München 2001. S. 240, 279)