Filmstill zu "Mein lieber Robinson"

DEFA-Chronik für das Jahr 1976

 

Januar 1976

25. Januar

Kurt Maetzig, einer der Gründungsväter der DEFA, kündigt zum Renteneintritt seinen unbefristeten Vertrag mit der DEFA. Resigniert erklärt er: „Genug der Kompromisse!“ Auch sein Herzensprojekt, die Verfilmung Heinrich Manns „Henri IV.“, über die „Erfüllung des Humanismus als Regierungsprinzip“, das er seit Ende der 1950er-Jahre favorisiert und für das ein Drehbuch vorlag, kommt nicht mehr zustande.
(Ralf Schenk: Zeitzeugengespräch Kurt Maetzig 1999, DEFA-Stiftung)

April 1976

25. April

Filmminister Hans Starke führt den unfertigen Film BEETHOVEN – TAGE AUS EINEM LEBEN dem Musikwissenschaftler und Stellvertretenden Minister für Kultur Werner Rackwitz vor, der Einwände äußert. Dagegen protestiert der Autor Günter Kunert vehement, vor allem, weil die Schöpfer nicht eingeladen waren und keine Chance der Darlegung ihres Standpunktes hatten: „[…] Ihnen ist bewusst, dass es unzulässig ist, ein unfertiges Kunstwerk von dafür nicht qualifizierten Personen beurteilen zu lassen […] Heute kommt es darauf an, der Kunst wieder zu ihrem Recht zu verhelfen, sie vor unzulässigen Diffamierungen zu bewahren – das wäre die eigentliche Aufgabe eines Ministers, dem die Entwicklung der Kultur am Herzen läge.“
(Ralf Schenk: Eine kleine Geschichte der DEFA. Daten, Dokumente, Erinnerungen. DEFA-Stiftung 2006, S. 190f)

29. April

In Frankfurt am Main, Duisburg, Marburg, Köln und München veranstaltet die UNIDOC – Film GmbH München eine zweimonatige Retrospektive mit 22 Filmen aus dem Studio H&S.
(Filmspiegel, 9/1976, S. 3; Deutsche Filmkunst, 9/1976, S. 47)

Mai 1976

11. Mai

Das Fernsehen der DDR strahlt erstmalig den von der DEFA im Auftrag des Fernsehens gedrehten Dokumentarfilm WIR VON ESDA von Gitta Nickel aus. Seit Anfang der 1970er-Jahre stellt Gitta Nickel immer wieder Frauen und deren Rolle in der Gesellschaft in den Mittelpunkt ihrer Arbeit. ESDA ist der größte Strumpfwarenbetrieb der DDR und ein Frauenbetrieb. Gitta Nickel gelingt es, ein Bild der oft nicht einfachen Betriebssituation und ohne einordnenden Kommentar die Individualität der Betriebsleiterin, einer Meisterin und einer Parteisekretärin zu zeigen.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1976, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 65; ND, 15. Mai 1976, S. 4; Eduard Schreiber: Zeit der verpassten Möglichkeiten. In: Schwarzweiß und Farbe, DEFA-Dokumentarfilme 1946-92. Filmmuseum Potsdam 1996, S. 166f)

16. Mai

Premiere des DEFA-Kinderfilms KONZERT FÜR BRATPFANNE UND ORCHESTER (R: Hannelore Unterberg). Der Debütfilm Unterbergs, die bis zum Ende der DEFA eine der prägenden Kinderfilmregisseurinnen bleibt, zeichnet sich durch Musikalität, Witz und fantasievolle Tricks aus. Der Film erhält 1976 den Grand Prix für seine tricktechnische Gestaltung beim 10. Internationalen Filmtechnischen Wettbewerb Moskaus.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1975, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 17; Film und Fernsehen, 6/1976, S. 15-16; Treffpunkt Kino, 12/1975, S. 8-9; F.-B. Habel: Das große Lexikon der Spielfilme, Neuausgabe in zwei Bänden, Schwarzkopf & Schwarzkopf 2017, S. 498ff)

18.-22. Mai

Im Palast der Republik in Ost-Berlin findet der IX. Parteitag der SED statt. Im Rechenschaftsbericht zeigt Erich Honecker die Grenzen für die künstlerische Freiheit auf: „Künstlerische Verantwortung IM Sozialismus ist nur als künstlerische Verantwortung FÜR den Sozialismus zu verstehen. […] Jeder Künstler hat Platz in unserer Gesellschaft, dessen Werk dem Frieden, dem Humanismus, der Demokratie, der antiimperialistischen Solidarität und dem Sozialismus verpflichtet ist […].“
(Dagmar Schittly: Zwischen Regie und Regime. Die Filmpolitik der SED im Spiegel der DEFA-Produktionen. Ch. Links Verlag 2002, S. 197f; Protokoll der Verhandlungen des IX. Parteitages der SED, Bd. I, II, Berlin, 1976, S. 117-122; Film und Fernsehen, 7/1975, S. 3-5, 3/1976, S. 15-19, 4/1976, S. 2-8, 5/1976, S. 2-11, 8/1976, S. 2-5)

Juni 1976

11. Juni

Die Heinrich-Greif-Preise des Jahres 1976 werden vergeben:

  • I. Klasse: An das Schöpferkollektiv des Dokumentarfilms WILHELM PIECK – SOHN SEINES VOLKES um Regisseur Wolfgang Bartsch, Autor Kurt Eifert, Kameramann Franz Thoms, Autor Richard Ritterbusch und Hauptdramaturgin Irmgard Ritterbusch.
  • II. Klasse: An das Schöpferkollektiv des Jugendfilms ...VERDAMMT, ICH BIN ERWACHSEN... um Regisseur Rolf Losansky, Autor Günter Mehnert und Dramaturgin Gudrun Deubner.
  • II. Klasse: An das Schöpferkollektiv des Fernsehfilms DIE UNHEILIGE SOPHIA um Regisseur Prof. Dr. Manfred Wekwerth, Dramaturg Alfred Nehring, Kameramann Roland Dressel und Schauspielerin Renate Richter.

(Filmspiegel, 13/1976, S. 2-3; ND, 12. Juni 1976, S. 10)

25. Juni – 6. Juli

Die DDR nimmt im Rahmen der Berlinale erstmalig in Westberlin am „Internationalen Forum des Jungen Films“ teil, das 1971 durch Ulrich Gregor ins Leben gerufen wurde. Gezeigt wird der Vietnamfilm DIE TEUFELSINSEL von Walter Heynowski und Gerhard Scheumann.

In den folgenden Jahren ist die DEFA regelmäßiger Gast im „Forum“ und präsentiert u.a. Dokumentarfilme, wie die WITTSTOCK-Reihe Volker Koepps und die GOLZOWER LEBENSLÄUFE von Winfried Junge. Später folgen FLÜSTERN & SCHREIEN – EIN ROCKREPORT von Dieter Schumann, THE TIME IS NOW von Eduard Schreiber, WINTER ADÉ von Helke Misselwitz und UNSERE KINDER von Roland Steiner. Aus dem Bereich des DEFA-Spielfilms werden SEITENSPRUNG von Evelyn Schmidt, mehrere Kinderfilme sowie im Februar 1990 die Verbotsfilme des 11. Plenums präsentiert.
(Ralf Schenk: Eine kleine Geschichte der DEFA. Daten, Dokumente, Erinnerungen. DEFA-Stiftung 2006, S. 191)

Juli 1976

9. Juli

Der erste einer 13-teiligen Puppentrickfilm-Reihe über den Berggeist Rübezahl RÜBEZAHL UND DER SCHUSTER unter der Regie von Stanislav Latal hat in der DDR Premiere. Die Reihe entsteht als Koproduktion des DEFA-Studios für Trickfilme mit Krátký Film aus Prag.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1975, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 98; Ralf Schenk: Eine kleine Geschichte der DEFA. Daten, Dokumente, Erinnerungen. DEFA-Stiftung 2006, S. 192)

August 1976

26. August

Mit Johann Wolfgang von Goethes Briefroman DIE LEIDEN DES JUNGEN WERTHERS verfilmt Egon Günther in Koproduktion mit dem DDR-Fernsehen einen der größten Klassiker der Literaturgeschichte. Die Premiere findet im Berliner Kino International statt. Um den unterschiedlichen Wirkungsmöglichkeiten von Kino und Fernsehen Rechnung zu tragen, enstehen für jedes Medium eigene Fassungen. Die für Dezember 1976 geplante Erstausstrahlung der Fernsehfassung wird kurzfristig abgesagt, nachdem Hauptdarstellerin Katharina Thalbach gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Thomas Brasch aus der DDR ausreiste. Nachdem der Film im Juli 1977 zunächst im westdeutschen Fernsehen zu sehen war, läuft der Film im September 1977 auch im Fernsehen der DDR.
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1976, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 20; Filmspiegel, 10/1976, S. S. 12-13; 17/1976, S. 12-13; Film und Fernsehen, 8/1976, S. 12-14; Treffpunkt Kino, 6/1976, S. 14-15; Aus Theorie und Praxis des Films, 2/1979, S. 108-123; Philip Zengel:  DEFA-Film des Monats)

September 1976

24. September

Premiere des DEFA-Spielfilms NELKEN IN ASPIK von Günter Reisch. Der Film zählt mit einer zum Teil ins Absurde überspitzten Handlung zu den ungewöhnlichsten Komödien der DEFA. Die Satire scheut sich nicht zahlreiche Bereiche des Lebens in der DDR – insbesondere die Werbewirtschaft, aber auch die DEFA selbst – auf die Schippe zu nehmen. Nachdem mehrere Mitwirkende – darunter die Hauptdarsteller Armin Mueller-Stahl und Eva-Maria Hagen – in Folge der Biermann-Affäre die DDR verließen, war der Film nur kurze Zeit in den Kinos der DDR zu sehen und wurde anschließend nicht weiter ausgewertet. 
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1976, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 24; Filmspiegel, 10/1976, S. 4-5, 22/1976, S. 8; Film und Fernsehe,n 9/1976, S. 31-32; Aus Theorie und Praxis des Films, 2/1979, S. 57-70; Aus Theorie und Praxis des Films, Studienmaterial, 8/1981, Teil 1, S. 48-58)

Oktober 1976

6. Oktober

Die Nationalpreise für Kunst und Literatur des Jahres 1976 werden verliehen.

  • II. Klasse: An die Schauspieler Norbert Christian, Angelica Domröse, Erika Pelikowsky und Hilmar Thate.

(ND, 7. Oktober 1976, S. 4; Kino DDR, 9/1979, S. 44)

14. Oktober

Premiere des DEFA-Spielfilms BEETHOVEN – TAGE AUS EINEM LEBEN. Der Film ist ein Beitrag der DEFA zum Beethoven-Jahr 1977, in dem sich der Tod Beethovens zum 150. Mal jährt. Für Autor Günter Kunert, Regisseur Horst Seemann und Hauptdarsteller Donatas Banionis ist Beethoven nicht ein der Zeit entrückter Held, sondern Identifikationsfigur. Die Filmschaffenden gewähren einen episodischen Einblick in das Leben des bedeutenden Komponisten. Die einzelnen Kapitel des Films fügen sich mosaikartig zu einem Gesamteindruck der Lebensverhältnisse des Komponisten zusammen. Filmkritiker Ralf Schenk würdigt 2019 in der Zeitschrift Filmdienst: „Wer von Kunert ein konventionelles Biopic erwartet hatte, sah sich getäuscht. Stattdessen verdichtete er das Leben und Wirken Beethovens zu einer Parabel auf das Verhältnis zwischen Kunst und Macht.“
(Filmbibliografischer Jahresbericht 1976, Staatliches Filmarchiv der DDR, S. 14; Filmspiegel, 25/1976, S. 8; Film und Fernsehen, 9/1976, S. 29-30, 10/1976, S. 12-14; Aus Theorie und Praxis des Films, Kulturpolitik-Kunst, 2/1979,Teil 2, S. 123-139; Klaus Wischnewski: Träumer und gewöhnliche Leute 1966 bis 1979. In: Das zweite Leben der Filmstadt Babelsberg. Potsdam 1994, S. 231f; Günter Agde (Hrsg): Kunerts Kino. Alle Texte Günter Kunerts für und über Kino- Edition Schwarzdruck 2023. S. 303; Philip Zengel:  DEFA-Film des Monats)

15. – 17. Oktober

Die Generalversammlung der Fédération Internationale des Ciné-Clubs (FICC), findet unter Leitung des FICC-Vizepräsidenten Kurt Maetzig erstmalig in der DDR, im Schloss Cecilienhof in Potsdam statt.
(Filmspiegel, 22/1976, S. 18, 23/1976, S. 3)

29. Oktober

Auf Beschluss des Bezirksverbandes Erfurt/Gera wird der Schriftsteller Rainer Kunze aus dem DDR-Schriftstellerverband ausgeschlossen. Das kommt einem Berufsverbot gleich. Vorangegangen war die ungenehmigte Veröffentlichung seines Prosabandes „Die wunderbaren Jahre“ sowie Kunzes „nichtkonformes“ Verhalten seit dem Prager Frühling 1968. Eine DDR-Ausgabe des Buches „Der Löwe Leopold“, die im selben Jahr erscheinen sollte, wird nicht ausgeliefert, 15.000 verkaufsfertige Exemplare werden eingestampft. Christa Wolf, Stephan Hermlin und Jurek Becker sind einige der wenigen Schriftsteller, die öffentlich gegen den Ausschluss protestieren. Kunze stellt infolgedessen einen Ausreiseantrag aus der DDR, dem im April 1977 stattgegeben wird.
(Dagmar Schittly: Zwischen Regie und Regime. Die Filmpolitik der SED im Spiegel der DEFA-Produktionen. Ch. Links Verlag 2002, S. 198f)

November 1976

11. – 15. November

Im Rahmen des zwischen der DDR und Dänemark abgeschlossenen Abkommens über kulturelle Zusammenarbeit finden erstmalig Tage des dänischen Films in der DDR statt. Gezeigt werden mit sieben Spielfilme und einige Kurzfilme. 
(Treffpunkt Kino, 11/1976, S. 13-14; Filmspiegel, 24/1976, S. 3, 20-21)

16. November

Die „Aktuellen Kamera“ des Fernsehens der DDR vermeldet: „Die zuständigen Behörden der DDR haben Wolf Biermann, der 1953 aus Hamburg in die DDR übersiedelte, das Recht auf weiteren Aufenthalt in der Deutschen Demokratischen Republik entzogen.“ Dies ist nur möglich, da Biermann sich zu diesem Zeitpunkt – legal – auf Einladung der Industriegewerkschaft Metall zu einer Konzerttournee in der BRD befindet. Die Rückkehr in die DDR wird Biermann trotz Wiedereinreisevisum verwehrt.

Biermann steht seit 1960 in der Kritik der Regierung und SED und unter Beobachtung des MfS. Er hat Auftritts- und Publikationsverbot in der DDR. Erst nachfolgend wird die Rechtsgrundlage geschaffen: Der Ministerrat der DDR erkennt Biermann am 18. November 1976 auf Grundlage des „Gesetzes über die Staatsbürgerschaft der DDR vom 20. Februar 1976“ die Staatsbürgerschaft der DDR mit Wirkung zum 16. November 1976 ab.
(ND, 17. November 1976, S. 2; Ralf Schenk: Eine kleine Geschichte der DEFA. Daten, Dokumente, Erinnerungen. DEFA-Stiftung 2006, S. 192; Holger Kulick: Einer der Anfänge vom Ende der DDR: Die Biermann-Ausbürgerung 1976 , Bundeszentrale für politische Bildung, 13. November 2025, Abruf: 28. März 2026)

17. November

Die Ausbürgerung Wolf Biermanns zieht einen Protest von Künstlerinnen und Künstlern nach sich. Am 17. November verfassen prominente Autorinnen und Autoren der DDR einen Offenen Brief „Erklärung der Berliner Künstler“, den sie an Erich Honecker, das ND (Erstveröffentlichkeitsrecht für drei Stunden) und danach an die Agentur Agence France Press (AFP) übergeben. Federführend sind Stefan Heym und Stefan Hermlin. Von den 13 Erstunterzeichnenden arbeiten oder arbeiteten Christa Wolf, Jurek Becker, Franz Fühmann, Gerhard Wolf, Heiner Müller, Sarah Kirsch, Günter Kunert, Stefan Hermlin für die DEFA.

In dem Offenen Brief heißt es (in Auszügen): „Wolf Biermann war und ist ein unbequemer Dichter… Wir identifizieren uns nicht mit jedem Wort und jeder Handlung Wolf Biermanns… Biermann hat selbst nie, auch nicht in Köln, Zweifel darüber gelassen, für welchen der beiden deutschen Staaten er, bei aller Kritik, eintritt. Wir protestieren gegen seine Ausbürgerung und bitten darum, die beschlossene Maßnahme zu überdenken.“

In den nächsten Tagen schließen sich über 100 Kulturschaffende der Petition an. Auf dem Alexanderplatz der DDR-Hauptstadt werden Solidaritäts-Unterschriften für den Ausgebürgerten gesammelt. Verschiedene Künstlerinnen und Künstler schreiben individuelle Briefe an Partei und Regierung. Unter den über Unterzeichnenden sind die Filmschauspielerinnen und -schauspieler: Jutta Hoffmann, Angelica Domröse, Katharina Thalbach, Manfred Krug, Armin Mueller-Stahl, Hilmar Thate, Eva-Maria Hagen, Nina Hagen, Rolf Ludwig, Käthe Reichel, Gisela May, Ekkehard Schall, Cox Habbema, Eberhard Esche, Jutta Wachowiak, Horst Hiemer, Else Gruber-Deister, Barbara Dittus und Christine Gloger. Sowie die Regisseure und Autoren Frank Beyer, Egon Günther, Richard Cohn-Vossen, Ulrich Plenzdorf, Thomas Brasch, Helga Schütz, Karl-Heinz Jakobs, Günther de Bruyn, Klaus Poche und Klaus Schlesinger.

Keine Zeitung in der DDR veröffentlicht den Offenen Brief der Künstler. Wegen „staatsfeindlicher Hetze“ werden Jürgen Fuchs, Gerulf Pannach, Christian Kunert und andere eingesperrt. Der Kommunist und ehemalige Direktor des Instituts für Physikalische Chemie an der Humboldt-Universität Robert Havemann, der unter den Nazis 1943 wegen Hochverrats zum Tode verurteilt wurde, erhält für zwei Jahre Hausarrest.

Günter Kunert resümiert sechs Jahre später: „[…] In der Artikulation des Protestes gegen die Ausbürgerung Biermanns schwangen bei jedem der Protestierenden die persönlich erlittenen Beleidigungen und Erniedrigungen mit; man hatte schon viel zu viel einstecken müssen, um nun auch noch dieses Letzte hinzunehmen. Die Person Biermanns spielte dabei die geringste Rolle; es hätte ebenso gut ein Jedermann sein können […] Immerhin war der Augenblick, da die Unterzeichner ihren Namen aufs Blatt setzten, ein großer Moment des Gemeinschaftsgefühls, dem viele kleine, aber längere Momente der Verzweiflung und der Angst sich anschlossen […].“
(Ralf Schenk: Eine kleine Geschichte der DEFA. Daten, Dokumente, Erinnerungen. DEFA-Stiftung 2006, S. 192f; Günter Kunert: Zivilcourage. Drei autobiographische Berichte. 13. September 1982. In: Sinn und Form 5/2023, S. 588f; Manfred Krug: Abgehauen. Econ Verlag 1996, S. 9ff, 50, 166; ND, 20. November 1976, S. 3; Die Firma verhaftet . Der Spiegel 49/1976, 28. November 1976Über hundert Unterschriften: Der offene Brief in Sachen Wolf Biermann . Die Zeit 50/1976, 3. Dezember 1976; Karlheinz Jacobs: Wir werden ihre Schnauzen nicht vergessen . Der Spiegel 48/1981, 22. November 1981)

Circa 19. November

In der DEFA findet eine außerordentliche Parteiversammlung statt, um den Protest einzufangen und Wankelmütige zu disziplinieren. Eine Resolution zur Unterstützung der Maßnahmen der Regierung zur Ausbürgerung Biermanns soll angenommen werden. Nur wenige trauen sich, sich zu äußern, darunter Ulrich Plenzdorf. Walter Janka sagt: „Genossen, ich kann nicht dafür stimmen. Ich bin 1935 oder 1936 ausgebürgert worden. Ich halte das für keine Methode, ich kann nicht dafür stimmen.“ Nach Überzeugungsarbeit durch Konrad Wolf wird die Resolution angenommen. Dagegen stimmen Walter Janka, Inge Wüste-Heym, Ulrich Plenzdorf, Christa Müller, Rainer Simon.

Auch die den Mitarbeitern des Trickfilmstudios der DEFA von ihrem Leiter Wolfgang Kernicke vorgelegte Resolution für die Biermann-Ausbürgerung wird vielen Filmschaffenden unterschrieben und mit allen Namen in der Tagespresse veröffentlicht.
(Ralf Schenk: Eine kleine Geschichte der DEFA. Daten, Dokumente, Erinnerungen. DEFA-Stiftung 2006, S. 193; Marion Rasche: Der Mann in der Flasche. In: Die Trickfabrik. DEFA-Animationsfilme 1955-1990. [Hrsg. Ralf Schenk/ Sabine Scholze]. Dresden/Berlin 2003, S. 131f; Joachim Nestler: Biermann-Ausbürgerung 1976. In: Ingrid Poss, Peter Warnecke (Hg): Die Spur der Filme, Zeitzeugen über die DEFA, Ch. Links Verlag, Berlin 2. Auflage 2006 S. 316)

20. November

Auf Vorschlag von Werner Lamberz, Leiter der Abteilung Agitation und Propaganda im ZK der SED, findet im Haus von Manfred Krug ein Gespräch zwischen Vertretern des Staates und Vertreterinnen und Vertretern der Unterzeichnenden des Offenen Briefes gegen die Ausbürgerung Biermanns statt. Manfred Krug schneidet das Gespräch mit seinem Tonbandgerät illegal mit und veröffentlicht es 1996.

Für den Staat sind zugegen: Werner Lamberz, Leiter der Abteilung Agitation und Propaganda im ZK der SED , ein Mitarbeiter von Lamberz und Heinz Adameck, Intendant des Fernsehens der DDR. Für die Kunstschaffenden: Stefan Heym, Christa Wolf, Jurek Becker, Heiner Müller, Frank Beyer, Angelica Domröse, Hilmar Thate, Klaus Schlesinger, Jutta Hoffmann, Ulrich Plenzdorf, Dieter Schubert und Manfred Krug.

Lamberz wirft den Künstlern vor, protestiert und nicht gebeten zu haben, eine (konterrevolutionäre) Plattform gebildet und damit eine Oppositionsbewegung ins Leben gerufen zu haben sowie über die Westpresse mit Partei und Regierung kommuniziert zu haben. Die Kunstschaffenden verlangen, dass der Staat mit ihnen auf Augenhöhe redet, ihre Sichtweise bedenkt und die Ausbürgerung Biermanns, wenn schon nicht zurücknimmt, so wenigstens als Fehler anerkennt. Ebenfalls wünschen sie die Möglichkeit, im eigenen Land strittige Themen in der Öffentlichkeit zu diskutieren. Sie betonen, dass sie für die DDR sind und ein Interesse daran haben, das Land demokratischer zu machen. Das einzige Ergebnis des vierstündigen Gesprächs ist, dass die Künstler zusichern, keine weiteren Unterschriften zu sammeln und Lamberz zusichert, dass es keine Repressionen gegen die Unterzeichner geben wird, was nur zum Teil eingehalten wird.

In den nächsten Wochen wird großer Druck aufgebaut: Die SED-Führung ist besorgt darüber, dass sich der Protest ausweiten könnte und setzt die Kunstschaffenden unter Druck. Einige ziehen ihre Unterschrift zurück. Im ND erscheinen am 20. November ganzseitig Ergebenheitsadressen von Künstlern, darunter Hermann Kant, Otto Gotsche, Günter Reisch und Dieter Noll. Wer sich dem Druck beugt wird nicht bzw. weniger sanktioniert. Gegen die „Unbelehrbaren“ werden Parteistrafen oder -ausschlüsse verhängt.
(Manfred Krug: Abgehauen. Econ Verlag 1996, speziell S. 15, 16; ABGEHAUEN, R: Frank Beyer, 1998, Dokumentarischer Spielfilm; Zur Person - Christa Wolf im Gespräch mit Günter Gaus (1993); Frank Beyer: wenn der Wind sich dreht. Meine Filme. Mein Leben. Econ Verlag München 2001. S. 206f; Günter Kunert: Zivilcourage. Drei autobiographische Berichte. 13. September 1982. In: Sinn und Form 5/2023, S. 589; Rainer Eckert: Offener Brief der Berliner Künstler mit der Bitte um die Rücknahme der Ausbürgerung Wolf Biermanns , 17. November 1976, Abruf 19. September 2024)

20. – 27. November

Mit der Goldenen Taube des 19. Leipziger Dokumentarfilmfestivals wird die Fernsehdokumentation WER FÜRCHTET SICH VORM SCHWARZEN MANN (R: Sabine Katins, 1976) ausgezeichnet. Der Film stellt wohlhabende deutschstämmige Einwohner Namibias, die in Erinnerungen an die Kolonialzeit schwelgen und die Apartheid-Politik unterstützen, den elenden Lebensbedingungen der einheimischen Bevölkerung gegenüber. Die für das Fernsehen der DDR gedrehte Produktion kommt auch in der BRD in den Verleih.
(Protokoll der XIX. Leipziger Woche 1976; Filmspiegel, 1/1977, S. 10-11; Film und Fernsehen, 11/1976, S. 2-10, 3/1977, S. 18-21; ND, 28. Oktober 1976, S. 4; ND, 27. November 1976, S. 6; Jeanpaul Goergen: Chronik des deutschen Dokumentarfilms 1945-2005 . Abruf: 5. Februar 2024)

Dezember 1976

Um das kulturelle Angebot auf den Dörfern zu verbessern, werden ab 1976 Landfilmtage in der DDR veranstaltet. Grundlage ist der Beschluss „Maßnahmen zur langfristigen Entwicklung der kulturpolitischen Arbeit mit dem Film auf dem Lande“ des Präsidiums des Ministerrats der DDR. Der diesjährige Eröffnungsfilm ist UNSER STILLER MANN (R: Bernhard Stephan) in der Gemeinde Warnow, Kreis Bützow.
(Filmspiegel, 26/1976, S. 3; Filmspiegel, 26/1976, S. 3; Filmspiegel, 1/1977, S. 14)

1. Dezember

Horst Pehnert, bis dahin stellvertretender Vorsitzender des Staatlichen Komitees für Fernsehen, wird zum Stellvertreter des Ministers für Kultur und Leiter der HV Film berufen. Er löst den vielfach kritisierten Hans Starke ab und übt diese Funktion bis zum Ende der DDR aus.
(Berliner Zeitung von 3. Dezember 1976, S. 2; Ralf Schenk: Eine kleine Geschichte der DEFA. Daten, Dokumente, Erinnerungen. DEFA-Stiftung 2006, S. 195; Günter Jordan: Film in der DDR, Daten - Fakten - Strukturen, Filmmuseum Potsdam, 2. überarbeitete Fassung 2013, S. 68)

8. Dezember

Kurt Hager, Mitglied des Politbüros des ZK der SED, diskutiert im Spielfilmstudio der DEFA mit Künstlerinnen und Künstlern. Diese beklagen die starren Mechanismen der HV Film und Behinderungen im eigenen Studio. Im Anschluss werden „Maßnahmen zur Veränderung der Situation im Spielfilmstudio“ festgelegt, um einen „demokratischen Prozess der Filmproduktion und -abnahme“ zu erreichen.
(Ralf Schenk: Eine kleine Geschichte der DEFA. Daten, Dokumente, Erinnerungen. DEFA-Stiftung 2006, S. 194)

11. Dezember

Die 22-jährige Schauspielerin Katharina Thalbach verlässt zusammen mit ihrem Lebenspartner Thomas Brasch und ihrer Tochter Anna die DDR. Brasch und sie gehören zu den Unterzeichnern der Petition gegen die Biermann-Ausbürgerung. Zum Zeitpunkt der Ausreise wirkt die Darstellerin am Berliner Ensemble und der Volksbühne. Bei der DEFA steht sie – nach Kinderrollen ab dem vierten Lebensjahr – ab 1970 vor der Kamera, besonders einprägsam in Egon Günthers Filmen LOTTE IN WEIMAR und DIE LEIDEN DES JUNGEN WERTHERS.
(Filmspiegel 19/1972, S. 12f; Thomas Brasch . In: Biographische Angaben aus dem Handbuch „Wer war wer in der DDR?“, Abruf 22. August 2024)

20. Dezember

Der Spielfilmregisseur Kurt Jung-Alsen stirbt während der Dreharbeiten zu einem Film der Reihe „Polizeiruf 110“ mit 61 Jahren. Für die DEFA drehte er überwiegend in den 1950er- und 1960er-Jahren. Sein Mentor war Erich Engel. Zu den bekanntesten Werken des Regisseurs zählen BETROGEN BIS ZUM JÜNGSTEN TAG (1957), DIE PREMIERE FÄLLT AUS (1958) und die für das Fernsehen realisierte Produktion DIE BILDER DES ZEUGEN SCHATTMANN (1972).
(Neue Zeit, 4. Januar 1977, S. 4)

22. Dezember

Als Schlussfolgerung aus der Biermann-Affäre ordnet Erich Mielke, Minister für Staatssicherheit, eine flächendeckende Überprüfung von Kunstschaffenden an. Außerdem verlangt er eine Einschätzung der „Reaktion der Bevölkerung der DDR“. Am 27. Mai 1978 bestätigt der stellvertretende Innenminister Rudi Mittig einen Operativplan zur „Aufdeckung, Bearbeitung, offensive Zurückdrängung und vorbeugende Verhinderung feindlicher Handlungen, die auf die Herausbildung eines politischen Untergrundes im Bereich der Schriftsteller gerichtet ist.“
(BStU, HA XX/AKG, 1494, S. 95. Zitiert in: Dagmar Schittly: Zwischen Regie und Regime. Die Filmpolitik der SED im Spiegel der DEFA-Produktionen. Ch. Links Verlag 2002, S. 203f)

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